Montag, 5. Mai 2014

Perplexing Pakistani Politics: Who to Blame? Verwirrende pakistanische Politik: Wer ist eigentlich schuld?

 
Imran Khan
When I came to Pakistan for the first time, last fall, I realized that my idea of politics and a political environment was influenced to a great extent by the western democratic and capitalist model. I was talking to one of the Pakistani students about his voting decision in the elections that had just passed and he explained that his choice was almost entirely guided by only two factors: Corruption and Taliban. He voted for a party called Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI – Pakistan Movement for Justice) which is led by the cricket-turned-politician 'Imran Khan'. PTI was focusing their election campaign on promising a lot of reforms, negotiations with the Taliban and fighting the pervasive corruption. Although especially many young people put their hopes in him and his party and the polls saw him right behind Nawaz Sharif, the current prime minister, PTI lost the elections. Most people I talked to say he lost due to rigging, however, some also say that although they shared his points of view, they did not think that he had a capable and experienced enough team to actually lead the country. Therefore, people did not vote for him.
Despite the defeat this is a prime example of how voting decisions in Pakistan are certainly not based on concepts such as right-wing or left-wing, liberal or socialist in an economic sense or any of the other reasons on which I usually base my voting decision. In that moment I realized that in order to understand politics in this part of the world I need to step back and take a much more comprehensive look considering not only the parties themselves but many other factors. Back then though I had no idea how many factors this would be and how complicated it could possibly get. Being here again and knowing much more it seems that although I am still nowhere close to understanding Pakistani politics I at least got a glimpse of its complexity and numerous contradictions.

Als ich letzten Herbst zum ersten Mal nach Pakistan kam, realisierte ich, dass das demokratische und kapitalistische Model aus dem Westen meine Vorstellung von Politik und allem was dazugehört stark prägt. Ich unterhielt mich mit einem pakistanischen Studenten über seine Wahlentscheidung bei den meinem Besuch vorausgegangenen Wahlen und er erklärte mir, dass seine Wahl hauptsächlich von zwei Faktoren abhängig war: Korruption und den Taliban. Er wählte daher die vom früheren Kricketspieler Imran Khan gegründete Partei Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI – Pakistanische Bewegung für Gerechtigkeit). Die PTI versprach im Wahlkampf viele Reformen, Verhandlungen mit den Taliban und sagte der Korruption den Kampf an, was dazu führte, dass besonders viele junge Pakistanis ihre Hoffnungen in die PTI setzten. Bei den Wahlen musste sich PTI dann trotz guter Umfragen der Partei von Nawaz Sharif, dem aktuellen Premier, geschlagen geben. Die meisten Leute mit denen ich über die Wahlen gesprochen habe gehen davon aus, dass Wahlbetrug und Stimmenkauf zu dem schlechten Ergebnis für PTI geführt haben, jedoch sagen auch viele, dass obwohl ihre Ansichten grundsätzlich mit denen von PTI übereinstimmen, sie der Meinung waren, dass Imran Khan kein ausreichend erfahrenes Team habe um das Land in diesen schwierigen Zeiten tatsächlich zu führen und sie daher nicht für ihn gestimmt hätten.
Trotz PTIs Niederlage ist dies ein gutes Beispiel dafür, dass Wahlentscheidungen in Pakistan eben nicht auf Konzepten beruhen welche z.B. in Europa die Wahlen beeinflussen, wie rechts und links oder sozialdemokratisch und konservativ, sondern im Gegenteil völlig andere Einflüsse haben. In diesem Moment verstand ich, dass um Politik in diesem Teil der Welt zu verstehen, ich meine ganze Sichtweise ändern und mir ein viel umfassenderes Bild machen muss, das weit über die Parteienlandschaft hinaus geht. Wie umfassend und von wie vielen Faktoren beinflusst dieses Bild sein würde konnte ich mir aber nicht annähernd vorstellen. Jetzt, da ich wieder in Pakistan bin, bin ich zwar immer noch weit entfernt davon alles zu verstehen, aber habe zumindest eine Ahnung von der Komplexität und den unzähligen Widersprüchen innerhalb der pakistanischen Politik.

Diversity. Vielfalt.



Languages of Pakistan
First of all, Pakistan as a country that stretches from the highest mountains to sandy deserts is already very complex. It is extremely diverse in terms of languages, cultures, religions, dances and music, landscapes and even looks. Not only are there 150 languages of which at least 6 languages can be considered to be main languages, each spoken by millions of people, but most of these languages are also related to a certain origin or clanship. Of course the main religion Islam is further divided into various sects due to contradiction on certain religious traditions among the followers. Considering all these differences there is maybe only one common topic that unites the country: the arch rivalry with India. Since the partition from India in 1947 nationalism is being carefully nurtured based on the idea of the necessity of a Muslim country. The latest remarks from India's opposition leader Giriraj Singh, who said that everyone who does not support their presidential candidate must be pro-Pakistan, show that at least this one feeling is mutual on both sides of the border.
Looking at the most grass-root structure, the poor family in the rural village already reveals a lot about the difficulties related with democracy in a country like Pakistan. Usually the education level in the villages is very low and the majority of people are illiterate. Therefore many people have absolutely no idea of democracy and what politics is supposed to do for them. The voting decision is usually made by the head of the family and is followed by all relatives. Women however are often not allowed to go and vote. The voting decision of the head of the family is again influenced by a number of factors. On the one hand there might be vote buying, on the other hand even lesser incentives such as ethnicity, origin and other characteristics of a politician might influence the voting decision. And most of the times the entire village will follow the village boss in their voting decision. There are even more influences but in can be said that generally people do not align their voting decision with the personal benefits that would arise from a certain party.

Von einigen der höchsten Gipfel der Welt im Norden zu den uwirtlichsten Wüsten im Süden erstreckt sich ein Land, das an sich schon sehr komplex ist. Kulturen, Sprachen, Religionen, Tänze, Musik, Landschaften und sogar Aussehen der Menschen unterscheiden sich teilweise enorm. In Pakistan gibt es mehr als 150 Sprachen von denen mindestens sechs als Landessprache gelten und jeweils von Millionen von Menschen gesprochen werden. Darüber hinaus ist fast jede Sprache auch noch mit einer bestimmten Herkunft oder Stammeszugehörigkeit verbunden. Obwohl die überwiegende Mehrkeit der Pakistanis Muslime sind ist auch der Islam in Pakistan in unzählige Gruppierungen und Untergruppierungen zersplittert. Auch in Deutschland bekannt ist die immer währende Feindschaft zwischen Sunnis und Shias, die auch in Pakistan immer wieder zu Unruhen führt. Es gibt wahrscheinlich nur ein Thema bei dem sich Pakistanis trotz aller Unterschiede einig sind: die Feindschaft mit dem Erzrivalen Indien. Seit der Teilung der früheren britischen Kolonie 1947 in Indien und Pakistan wird mit der Begründung, dass die Muslime in diesem Gebiet einen eigenen Staat bräuchten, der Nationalismus gehegt und gepflegt. Aber ein Blick über die Grenze nach Indien zeigt, dass auch wenn Pakistanis und Inder sonst nichts gemeinsam haben, wenigstens die Feindseligkeit auf Gegenseitigkeit beruht. Der indische Oppositionsführer Giriraj Singh beschuldigte im Vorfeld der gerade stattfindenden Wahlen alle Wähler, die nicht auf der Seite seiner nationalistischen Partei stehen, pro-Pakistan zu sein.
Man kann schon viel über die Problematik lernen, die Demokratie in einem Land wie Pakistan mit sich bringt, wenn man die grundlegendste Einheit betrachtet, die arme Familie auf dem Land. Das Bildungsniveau in den Dörfern ist meistens sehr niedrig und die meisten Menschen sind Analphabeten. Daher hat die Mehrheit absolut keine Ahnung was Demokratie ist und wofür Politik eigentlich gut ist. Die Wahlentscheidung wird überlicherweise vom Familienoberhaupt getroffen und von allen Verwandten befolgt, wobei Frauen oft nicht wählen gehen dürfen oder wollen. Wen das Familienoberhaupt wählt ist wiederum von vielen anderen Faktoren abhängig. Zum einen werden viele Stimmen gekauft, zum Anderen hängt die Entscheidung oft vom persönlichen Hintergrund, der Stammeszugehörigkeit oder der Herkunft des zu wählenden Politikers ab. Ein Pakistani hat mir erzählt, dass oft ein kostenloses Essen reicht um den Menschen die Entscheidung abzunehmen. Und meistens wählt sowieso das ganze Dorf so wie es der „Bürgermeister“ oder der einflussreichste Dorfbewohner will. Das steht ganz im Gegensatz zu unserer Vorstellung, in der wir meistens die Partei wählen die uns am meisten entspricht oder von der wir uns den größten persönlichen Vorteil erhoffen. Als Konsequenz werden hier Parteien von der Mehrheit gewählt, die derselben Mehrheit noch nicht einmal Versprechungen machen, geschweige denn tatsächlich für diese Mehrheit Politik machen. 
 

Foreign and domestic forces struggle for power. Innere und äußere Kräfte ringen um Macht.

 
Parliament building. Parlament.
On the national level the big boys come into play. Pakistan was led during half the time since the partition by the military which is very powerful. It has the 7th largest army in the world and is considered to be the best organized institution in the country. A number of military coups and the fact that the country was ruled by the military many times allowed it to expand into many areas in society. Factories, banks, educational institutions and even shopping malls and petrol stations are being run by the military and assure that it does not lose its power. Just a few days ago a famous anchorman was shot and his network immediately blamed the military and secret services for the attack. Even though there was hardly any evidence for the military to be involved, the accusations backfired and public opinion turned against the network. The main argument was that the military is the dignity of the country and should not be besmirched.  
But national politics are nowadays and not surprisingly mainly influenced by politicians and, maybe more surprisingly, by bureaucrats. In fact, the bureaucracy is often considered to have more power than politicians and to be the actual decision maker. On top of this more than blurry separation of power are both realms pervaded by corruption. Pakistan ranks 127 out of 175 on Transparency International's Corruption Perception Index. Considering this large extent of corruption politicians as well as bureaucrats do often live very comfortable lives including expensive cars, big houses and only the best schools and universities for their children. Some say that since the decision makers do have such a good life there might be not much incentive for them to actually change anything.

On top of these homemade problems there are powerful groups inside the country of which at least some are supported from outside Pakistan. Some of these stories might be true, others might be more conspiracy theories, but no matter what, these groups destabilize the country enormously. The most famous are of course the Taliban. They state their goal as to create a country based on their extremist values and their interpretation of Islam. However many Pakistanis think that Taliban receives a lot of money from Saudi-Arabia. Saudi-Arabia would, on one hand have a strong interest in assuring that the region stays on track with their strictly religious governance structure. On the other hand, it is thought that a strong Islam is an imperative to keep up the good business that is made with Hajj, the Islamic pilgrimage to Mecca. Every Muslim is supposed to do this pilgrimage at least once in their life and since Mecca is nowadays by chance part of Saudi-Arabia it is a huge income generator for the country with roughly 1.5 million foreign pilgrims every year. However, Taliban are not the 'only' troublemakers.

In Balochistan, a large province in the south west of Pakistan, Baloch separatists continuously clash with the Pakistani military. Although their objective might really be independence there are some that accuse the USA and India to be funding the separatists to keep the region destabilized. The reason why the USA would be interested in a restive Balochistan is China's increasing influence in Pakistan with one of the biggest investments being the huge Gwadar harbor on the Baloch coast which creates cheap access to European and Middle Eastern Markets for China. 

It is certainly very difficult to get a comprehensive picture of political dynamics in Pakistan, but the lesson I learned from this array of influences is that there is not a single actor that can be blamed for the status quo. A combination of factors from within and without the country have shaped Pakistan in the last century and made it to what it is today.
 
Auf der nationalen Ebene sind die wirklich Mächtigen am Werk. Etwa die Hälfte der Zeit seit der Teilung in Indien und Pakistan wurde Pakistan von einer Militärdikatur regiert. Das Militär ist die siebtgrößte Armee der Welt und wird als die bestorganisierteste Institution im Land angesehen. Während der Zeit in der Regierung vergrößerte das Militär seinen Einfluss ständig und mischt heute in vielen Bereichen der Gesellschaft mit. Fabriken, Banken, Universitäten und Schulen sowie sogar Einkaufszentren und Tankstellen werden vom Militär betrieben und sichern ihm seine Macht. Erst vor ein paar Tagen hat ein Fernsehsender das Militär und den Geheimdienst beschuldigt, einen seiner Moderatoren angeschossen zu haben, was im ganzen Land zu einem Aufschrei führte. Wer das Militär beleidige, beschmutze die Würde Pakistans und sei kein guter Pakistani, war zu hören.
Aber in Zeiten von Demokratie ist die nationale Politik natürlich hauptsächlich von Politikern aber leider auch stark von Bürokraten beeinflusst. Der Bürokratie wird sogar mehr Macht als den Politikern zugesprochen, sie gilt oft als letzte Instanz. Als ob diese sehr unscharfe Gewaltenteilung nicht schon reichen würde, sind Politik wie auch Bürokratie geradezu durchzogen von Korruption. Auf Transparency Internationals Korruptions Index liegt Pakistan auf Platz 127 von 175. Politiker und Bürokraten leben aufgrund der allgegenwärtigen Korruption jedoch ein sehr komfortables Leben mit großen Autos und Häusern und nur den besten Schulen und Universitäten für ihre Kinder. Manche denken, dass die Entscheidungsträger eigentlich überhaupt nichts ändern wollen an der Situation im Land, da sich ihre persönliche Stellung nur verschlechtern würde.
Zusätzlich zu diesen hausgemachten Problemen gibt es noch weitere mächtige Akteure im Land die aber zumindest teilweise von außerhalb Pakistans unterstützt werden. Manche dieser Theorien sind wohl wahr, während andere eher Verschwörungstheorien sind, aber es ist sicher, dass diese Gruppen das Land gewaltig destabilisieren. Die bekanntesten Gruppierung sind natürlich die Taliban, die einen Staat auf Basis ihrer extremistischen Werte und ihrer eigenwilligen Interpretation des Islam errichten wollen. Viele Pakistanis glauben, dass die Taliban von Saudi-Arabien unterstützt werden und zwar aus zwei Gründen: Das saudi-arabische Regierungssystem baut auf einer sehr strengen Interpretation des Islams auf, die der der Taliban in großen Teilen ähnelt. Daher seien die Saudis daran interessiert, dass die Region mit der eigenen Ideologie im Takt ist. Der zweite Grund ist eher wirtschaftlicher Natur: Mekka, der heiligste Ort im Islam zu dem jeder Muslim mindestens einmal in seinem Leben pilgern sollte, liegt in Saudi-Arabien. Und wie mit jeder anderen Touristenattraktion auch (ca. 1,5 Millionen ausländische Pilger kommen jährlich nach Mekka) wird in Mekka sehr viel Geld verdient. Somit sei ein starker Islam die Voraussetzung, um das gute Geschäft mit Mekka aufrechtzuerhalten. Doch leider sind die Taliban nicht die einzigen die immer wieder Ärger machen.

In Balochistan, einer großen Provinz im Südwesten Pakistans liefern sich Separatisten immer wieder Gefechte mit dem Militär. Auch wenn das eigentliche Ziel vielleicht wirklich ein unabhängiger Staat ist, beschuldigen viele die USA und Indien die Separatisten zu unterstützen. Indien ist natürlich grundsätzlich daran interessiert Pakistan kleinzuhalten während die USA eventuell größere Ziele verfolgen. China hat in den letzten Jahren massiv in Pakistan investiert und an der Küste in Balochistan den Gwadar Hafen gekauft und modernisiert. Dieser Hafen würde China einen billigen Zugang zu Märkten in Europa und dem mittleren Osten schaffen was die USA natürlich gerne verhindern würden und daher die Region absichtlich destabilisieren würde. 
 
Es ist wirklich sehr schwer sich ein umfassendes Bild der Politik und seiner Dynamiken in Pakistan zu machen, aber was ich gelernt habe ist, dass obwohl es manchmal wünschenswert wäre, man keinen einzelnen Schuldigen für den Status Quo ausmachen kann. Eine ganze Reihe Faktoren aus dem In- und Ausland haben Pakistan im letzten Jahrhundert geformt und zu dem gemacht was es heute ist.



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