Donnerstag, 10. April 2014

Einmal Pakistani sein. Being Pakistani.


Gestern fuhr ich früh morgens zu einem ziemlich aufregenden und kurzfristig geplanten zweiten Orientation Workshop nach Peshawar in die immer unruhige Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Peshawar ist im Gegensatz zu Islamabad und auch Lahore nicht wirklich sicher für Ausländer, weshalb ich mich traditionell pakistanisch in Shalwar Kameez, hübschen Flip Flops sowie Kappe gekleidet habe bevor ich mich aufgemacht habe. Dort angekommen hat mich Herr Bokhari in Empfang genommen und wir sind direkt auf den Campus der Peshawar University gefahren, wo wir uns im Haus eines Professors mit fünf Pakistanis getroffen haben, die alle im Sommer für zwei Wochen in Deutschland an der Uni Erfurt sein werden. Eigentlich sollte das Treffen in der Fakultät stattfinden, um dort hinein zu dürfen hätte ich aber einen sogenannten “No objections letter” gebraucht, da Besucher sich an vielen Orten in Pakistan aus Sicherheitsgründen im Voraus anmelden müssen und dann eben so einen Brief bekommen. Nach ein paar Stunden Fragen beantworten fuhren wir mit einem der ehemaligen Teilnehmer der Summer School in ein sehr schönes Restaurant mitten in Peshawar wo wir mal wieder, wie so oft als Ausländer in Pakistan, jeder locker das Tagesgehalt eines armen Haushaltes ausgegeben haben.

My plans yesterday were changed on short notice and instead of going to the office I went on a very exciting second orientation workshop to Peshawar, the capital of the restive province Khyber Pakhtunkhwa. The Orientation Workshop is meant for Pakistani students that will come to Germany in Summer for two weeks and is supposed to prepare them and provide them with information about life, differences and challenges they may face in Germany. Peshawar is compared to Lahore and of course to Islamabad not exactly safe for foreigners, which is why I dressed in traditional Shalwar Kameez, nice Pakistanis shoes and a typical hat for my adventure in Peshawar. After Mr. Bokhari picked me up from the bus stop we went straight to University of Peshawar campus where we met the Pakistanis in the house of one of the Professors. The meeting was supposed to take place in a faculty building, but due to security reasons I would have needed a "No objections letter" issued by the university administration. It is a quite common procedure that visitors to official buildings need to inform about their visit in advance and then get this letter. After answering many, many questions and filling the elaborate german visa form, we went for lunch with one of the Summer School alumnis. As is often the case as a foreigner, each of us easily spent the daily wage of a poor household in this country.


Nach einem kurzen Besuch bei Herr Bokharis Familie wurde es dann wirklich spannend, denn wie versprochen durfte ich danach eine Stadtführung durch das alte Peshawar genießen. Und als ob das nicht schon cool genug wäre, haben mich die Leute dort keines Blickes gewürdigt, da ich mit traditioneller Kleidung den Paschtunen, Völkern aus dem Nordwesten Pakistans und großen Teilen Afghanistans so ähnlich sehe, dass ich überhaupt nicht auffalle. Peshawar ist eine sehr beeindruckende Stadt, nicht nur weil es so schwierig ist überhaupt dahin zu kommen, sondern besonders weil Peshawar eine beeindruckende Geschichte vorweisen kann, die über 2000 Jahre zurückreicht. Seit der Gründung war und ist die Stadt eines der wichtigsten Handelszentren und verbindet, Zentralasien, Indien, China mit dem Mittleren und Nahen Osten und sogar Europa. Den berühmten und traditionellen grünen Tee haben wir dementsprechend im Story Teller Bezirk getrunken, wo sich früher die Händler getroffen haben und dann all die Erlebnisse ihrer langen Reisen ausgetauscht und weitererzählt haben. Außerdem gibt es eine ganze Reihe wunderschöner aber leider verfallender Hindu Architektur und hin und wieder läuft einem auch ein Sikh über den Weg. Der alte Stadtkern ist wie schon seit vielen Hundert Jahren geprägt von verschiedenen Märkten, auf denen fast alles angeboten wird, vom goldenen Armreif, über Waffen, Teppiche, Elektronik und was man sich sonst noch alles vorstellen kann. Heutzutage ist die Stadt aber wie die meisten großen Städte in Pakistan genauso geprägt von Smog, Gestank und Dreck. Das einzige was man überhaupt nicht sieht sind Frauen. Peshawar ist eben deutlich konservativer als der Osten des Landes und die wenigen Frauen die man sieht sind dann eigentlich immer komplett mit Burka verhüllt.


A short visit at Mr. Bokhari's family was followed by what was certainly the best part of the day. As promised, Mr. Bokhari took me on a city tour through old Peshawar. And as if that was not cool enough, people did literally not even look at me. For the first time in Asia I blended in with the locals. The reason therefore is that when wearing traditional clothes, I very much resemble Pashtuns which are local mountain tribes from the surrounding areas and large parts of Afghanistan. Peshawar is a stunning city, not only because it is so inaccessable but especially because it has an impressive history dating back more than 2000 years. It used to be and even nowadays is one of the most important trading hubs connecting Central Asia, India and China with the Middle East and Europe. Hence, we drank the famous green tea in the so called story teller district, where the traders would meet and exchange the adventures from their long journeys. There are also a number of decaying old Hindu houses with their beautiful architecture and from time to time a Sikh crossed our way. The old city has for centuries been dominated by different bazars that offer almost everything from golden bracelets, arms, carpets, smuggled goods, electronics and much more. But nowadays the city is just as much dominated by smog, stench and dirt. The only sight one is not able to spot are women. That is because Peshawar is considerably more conservative than the East of the country, resulting in the few women that can be (not) seen to be completely covered from head to toe.


Man merkt deutlich, dass direkt hinter Peshawar die mehr oder weniger selbstverwalteten Stammesgebiete beginnen und es außerdem nur ca. 30-40 km bis zur Grenze mit Afghanistan sind. Da diese Gebiete im Prinzip komplett unzugänglich sind und zwar für Hilfsorganisationen wie auch für die Regierung gleichermaßen, sind hier im Grenzgebiet die Taliban zu Hause, da sie sich als Einzige irgendwie kümmern und außerdem relativ ungestört sind, abgesehen von pakistanischen Militäroffensiven und den Drohneneinsätzen. In mehreren Gesprächen die ich in den letzten Tagen geführt habe wurde mir immer erzählt, dass die allermeisten Leute in diesen Gebieten eigentlich überhaupt nichts mit den Taliban am Hut haben und einen nicht gehen lassen bevor man nicht zumindest einen Tee getrunken und etwas gegessen hat. Da die Gebiete jedoch so abgelegen sind und die Armut oft so groß, verkaufen manche Eltern ihre Kinder für durchschnittlich 140 – 350 € als Selbstmordattentäter an die Taliban. Das ist der Preis für ein Leben wenn die die Verzweiflung groß ist. Dass die religiöse Begründung für den Kampf der Taliban keiner Prüfung standhält, ist glaube ich auch in Deutschland mittlerweile bekannt. Einer meiner Gesprächspartner bei PPAF erzählte mir, wie den wenigen Leuten die erreicht werden können, vorgerechnet wird, wie sich ihr Einkommen entwickelt wenn sie einen Mikrokredit aufnehmen und das Kind mitarbeiten kann im Vergleich zum Verkauf und Tod ihres Kindes. Da die Gebiete aber nur selten von jemandem außer dem Militär erreicht werden, können sich die Taliban bisher ihres Nachwuchses sicher sein.

One can feel that it is only 30-40 km to the Afghan border with the autonomous tribal areas lying in between. These areas are more or less inaccessable for both development NGOs as well as the government. This is home of the Taliban, since they are often the only ones that do at least something in the area and are also somewhat untroubled, apart from Pakistani military offensives and drone attacks every now and then. In a number of conversations I had  in the last days people very much emphasized that most locals in these areas have nothing to do with Taliban and do not let you go before you have not at least had tea and something to eat. But the remoteness of these areas and pervasive poverty sometimes make parents sell their own children for 140 - 350 € as suicide bombers to the Taliban. That  is the price for a life here when people are desperate. I think the fact that religion is nowhere sufficient but actually contradictory to explain the fight Taliban is fighting is by now known in the west. One of the people here told me how they weigh the options together with the few people that can be reached. They compare a microcredit that would lead to a steady stream of income and the child is kept alive to the one time payment mentioned with its fatal outcome. But since these areas are rarely reached by anyone except the military the second option is still chosen much too often.

Mittwoch, 9. April 2014

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen


  1. April, Sonntag
Da am Samstag in Lahore ein Orientation Seminar für die Pakistanis die im Sommer nach Deutschland kommen stattgefunden hat, sind Karen und ich am Freitag Abend von Islamabad mit dem wirklich sehr komfortablen Bus inklusive Wlan über den neuen, gut ausgebauten und für von Tieren gezogenen Karren gesperrten Highway nach Lahore gefahren. Lahore ist im Gegensatz zu Islamabad eine richtige pakistanische Stadt. Während Islamabad relativ ruhig ist und auch der Verkehr sehr erträglich ist, ist Lahore so wie das urbane Pakistan wirklich ist: Voll, laut, dreckig aber auch sehr bunt, lebendig und es ist immer etwas los. Außerdem ist Lahore bekannt als die kulturelle Hauptstadt Pakistans. Trotzdem werden jetzt erst in Pilotprojekten die offenen Abwasserkanäle in geschlossene Abwasserleitungen umgebaut und auch sonst ist vieles wirklich noch sehr rückständig. Transporte innerhalb der Stadt werden oft mit Eselkarren vollzogen, wer sich zum Beispiel ein neues Sofa kauft kann fast sicher davon ausgehen, dass dieses von einem Esel mit Anhänger geliefert wird. Prof. Jamal Malik und vor ihm der Philosoph Ernst Bloch nennen das die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Ansonsten stehen an jeder Ampel Kinder und Erwachsene die einem die verschiedensten Dinge verkaufen wollen oder aber auch einfach nur betteln. Während der drei Tage habe ich fast alle Klassen von normal arm bis für pakistanische Verhältnisse sehr wohlhabend erlebt. Mein pakistanischer Freund Suleman, den ich auf der Fall School letztes Jahr kennen gelernt habe und der Weihnachten mit meiner Familie verbracht hat, wohnt mit seinen vier Schwestern und seiner Mutter in einer kleinen zwei Zimmer Wohnung plus Miniküche und Minibad.

Das ist zwar nur eine temporäre Wohnung, die gemietet wurde damit die eigentlich im Dorf wohnende Familie beim einzigen Sohn sein kann während dieser studiert. Allerdings leben natürlich viele Familien immer unter solchen Bedingungen, die für pakistanische Verhältnisse wirklich noch ziemlich gut sind. Die zweite Wohnung die ich gesehen habe war dann schon in einer gehobenen Gegend und bestand aus drei Zimmern mit aufwendigerer Einrichtung. Das mit Abstand beste Haus, das ich letztes Wochenende gesehen habe, stand in einer sogenannten Gated Community und war eigentlich vergleichbar mit einem großen Reihenhaus in Deutschland. Der Preis für so ein Haus beträgt zwischen 50.000 und 100.000 €, was für die allermeisten Pakistanis absolut unerschwinglich ist. Die kleine Zwei-Zimmer Wohnung kostet übrigens im Verhältnis bescheidene 70 € im Monat, auch das ein Preis, der für viele schon zu hoch ist.


Verhältnisse



  1. April, Donnerstag
Die letzten drei Tage waren für alle bei PPAF und sogar für mich relativ hektisch, da gestern und heute die erste „International Conference on Research and Learning“ im Pak-China Center stattgefunden hat, auf der besonders die wissenschaftliche Begleitung und Aufarbeitung der Entwicklungsarbeit verschiedener Institutionen durch die Weltbank und PPAF, die Organisation bei der ich bin, im Mittelpunkt stand. Heute Abend klang die Konferenz dann bei einem wunderschönen Sufi Konzert im Islamabad Club aus. Obwohl ich erst bei meinem ersten Besuch in Pakistan mit Sufi Musik in Kontakt gekommen bin, werde ich bald mal einen eigenen Eintrag über diese Musik schreiben, da ich schon beim ersten Mal von Melodie, Text und Stimmung überwältigt war und nicht glauben konnte, dass ich bisher nie wirklich davon gehört hatte.

Insgesamt war das Programm der Konferenz sehr interessant und vielfältig, mir sind aber besonders zwei völlig unterschiedliche Momente besonders wichtig die ich hier gerne teilen möchte, da ich beide als Beispiele außerordentlich hilfreich fand, um sich einmal wieder zu vergegenwärtigen, was es heißt richtig und absolut arm zu sein. Auch wenn vielen Menschen in Deutschland bewusst ist, dass Milliarden Menschen in absoluter Armut leben und auch wenn besonders Studenten und Akademiker gerade die theoretischen Konzepte wie Armutsgrenzen (1$ pro Tag), relative Armut usw. kennen, sind solche einzelnen Momente meiner Meinung nach sehr wichtig. Sie ermöglichen einem sich zumindest für eine kurze Zeit wieder der Verhältnisse zwischen einem Leben in Deutschland oder auch in der pakistanischen Oberschicht und den Leben vieler bitterarmer Menschen in Südasien, aber auch in anderen Teilen der Welt bewusst zu werden.

Das erste Beispiel ist eine kleines Theaterstück, das auf der der Konferenz zwischen zwei Programmpunkten aufgeführt wurde. Ich habe während des Stücks, das auf Urdu aufgeführt wurde, eine kleine Simultanübersetzung von meiner Nebensitzerin bekommen:

Der große Bruder fragt die Schwester warum sie nicht in der Schule war. Die Schwester antwortet: „Es gibt keine Schule in unserem Dorf“
Danach fragt ein junges Paar mit einem kranken Baby nach dem Krankenhaus, jedoch gibt es leider keinen Doktor im Krankenhaus. Sie machen sich dann zu Fuß auf um von jemandem ins nächste Krankenhaus mitgenommen zu werden.
Gemeinsames Flehen der Dorfgemeinschaft: „Was sollen wir tun? Die Armut tötet uns.“
Mutter zur Tochter: „Du bist seit drei Tagen zu Hause. Hör auf dich um deine Kleidung zu scheren und hilf mit!“
Tochter: „Im anderen Dorf bei der Hochzeit war alles so schön. Alles hat funktioniert, die Straßen waren sauber und schön.“
Darauf folgt ein Gespräch, in dem es darum geht, dass jemand in das andere Dorf kam und es seitdem in vielen Bereichen des täglichen Lebens viel besser ist. Der Dorfälteste fordert, dass diese Person zu ihm gebracht werde.
Die Person kommt und es findet eine Dorfversammlung statt um die Verbesserungsmöglichkeiten zu besprechen.
Eine Community Organization (sehr grundlegende Dorfversammlung, durch die Entwicklungsprojekte je nach individueller Nachfrage an das einzelne Dorf angepasst werden sollen) soll gegründet werden, der Dorfchef will davon Chef werden. Er versteht jedoch nicht, warum Frauen in den Prozess eingeschlossen werden sollten. Da die Inklusion von Frauen genauso wie von sehr Armen aber Pflicht ist, willigt er ein und es findet ein Treffen der Community Organization statt.
Was ist das größte Problem das die Frauen sehen? Sie beschweren sich, dass sie sehr weit gehen müssen um Wasser zu bekommen und dies ihr größtes Problem sei und sie dort Verbesserungen wünschen.
Der Initiator der Community Organization erklärt den Dorfbewohnern dann, dass sie als Einheit zusammenarbeiten müssen. Das Theaterstück endet mit dem Bau einer Brücke, über die der Arzt das kranke Kind, die Lehrer die Schule und die Frauen die Wasserstelle erreichen können. Außerdem bekommt der gehbehinderte Dorfbewohner endlich einen Rollstuhl.

Viele Dinge im täglichen Leben die wir als völlig selbstverständlich betrachten sind in Pakistan nicht nur schlecht sondern oft überhaupt nicht vorhanden. In vielen Dörfern und Gebieten ist es schon ein Fortschritt wenn Trinkwasser auch nur im weiteren Umfeld des Dorfes, überhaupt irgendeine Schulbildung, irgendeine medizinische Versorgung und natürlich Unterstützung für Behinderte besteht. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass in vielen Dörfern diese sehr grundlegenden Dinge auch heute noch nicht vorhanden sind.

Das zweite Beispiel ist eine Folie aus einer Präsentation von Prof. Dr. Imran Rasul vom University College London, die er auf der Konferenz gehalten hat. Vorgestellt wurde eine Studie die die Wirkungen von Geld im Vergleich zu gleichwertigen Sachleistungen verglichen hat. Ich fand die Folie aber daher sehr interessant, da Preise für die Eröffnung verschiedener Kleinstfirmen zu sehen sind, die aber in Pakistan den Unterschied machen zwischen hungern und einem relativ guten Leben. Die Teilnehmer konnten sich Bündel aus dieser Tabelle im Gesamtwert von 50.000 Rupien aussuchen, was etwa 350 € entspricht. Wie man sehen kann, sind die Materialien die zur Gründung solch einer Firma nötig sind oft sogar noch deutlich günstiger erhältlich. Auch das ist ein gutes Beispiel um sich der Verhältnisse bewusst zu werden und zu verstehen um was für Armut es sich hier handelt im Vergleich zu unseren Leben in Europa und anderen Teilen der Welt. Oft sind nicht mal die 70 € vorhanden, die reichen würden um eine Schneiderei zu eröffnen und einen Lebensunterhalt zu verdienen.