Mittwoch, 9. April 2014

Verhältnisse



  1. April, Donnerstag
Die letzten drei Tage waren für alle bei PPAF und sogar für mich relativ hektisch, da gestern und heute die erste „International Conference on Research and Learning“ im Pak-China Center stattgefunden hat, auf der besonders die wissenschaftliche Begleitung und Aufarbeitung der Entwicklungsarbeit verschiedener Institutionen durch die Weltbank und PPAF, die Organisation bei der ich bin, im Mittelpunkt stand. Heute Abend klang die Konferenz dann bei einem wunderschönen Sufi Konzert im Islamabad Club aus. Obwohl ich erst bei meinem ersten Besuch in Pakistan mit Sufi Musik in Kontakt gekommen bin, werde ich bald mal einen eigenen Eintrag über diese Musik schreiben, da ich schon beim ersten Mal von Melodie, Text und Stimmung überwältigt war und nicht glauben konnte, dass ich bisher nie wirklich davon gehört hatte.

Insgesamt war das Programm der Konferenz sehr interessant und vielfältig, mir sind aber besonders zwei völlig unterschiedliche Momente besonders wichtig die ich hier gerne teilen möchte, da ich beide als Beispiele außerordentlich hilfreich fand, um sich einmal wieder zu vergegenwärtigen, was es heißt richtig und absolut arm zu sein. Auch wenn vielen Menschen in Deutschland bewusst ist, dass Milliarden Menschen in absoluter Armut leben und auch wenn besonders Studenten und Akademiker gerade die theoretischen Konzepte wie Armutsgrenzen (1$ pro Tag), relative Armut usw. kennen, sind solche einzelnen Momente meiner Meinung nach sehr wichtig. Sie ermöglichen einem sich zumindest für eine kurze Zeit wieder der Verhältnisse zwischen einem Leben in Deutschland oder auch in der pakistanischen Oberschicht und den Leben vieler bitterarmer Menschen in Südasien, aber auch in anderen Teilen der Welt bewusst zu werden.

Das erste Beispiel ist eine kleines Theaterstück, das auf der der Konferenz zwischen zwei Programmpunkten aufgeführt wurde. Ich habe während des Stücks, das auf Urdu aufgeführt wurde, eine kleine Simultanübersetzung von meiner Nebensitzerin bekommen:

Der große Bruder fragt die Schwester warum sie nicht in der Schule war. Die Schwester antwortet: „Es gibt keine Schule in unserem Dorf“
Danach fragt ein junges Paar mit einem kranken Baby nach dem Krankenhaus, jedoch gibt es leider keinen Doktor im Krankenhaus. Sie machen sich dann zu Fuß auf um von jemandem ins nächste Krankenhaus mitgenommen zu werden.
Gemeinsames Flehen der Dorfgemeinschaft: „Was sollen wir tun? Die Armut tötet uns.“
Mutter zur Tochter: „Du bist seit drei Tagen zu Hause. Hör auf dich um deine Kleidung zu scheren und hilf mit!“
Tochter: „Im anderen Dorf bei der Hochzeit war alles so schön. Alles hat funktioniert, die Straßen waren sauber und schön.“
Darauf folgt ein Gespräch, in dem es darum geht, dass jemand in das andere Dorf kam und es seitdem in vielen Bereichen des täglichen Lebens viel besser ist. Der Dorfälteste fordert, dass diese Person zu ihm gebracht werde.
Die Person kommt und es findet eine Dorfversammlung statt um die Verbesserungsmöglichkeiten zu besprechen.
Eine Community Organization (sehr grundlegende Dorfversammlung, durch die Entwicklungsprojekte je nach individueller Nachfrage an das einzelne Dorf angepasst werden sollen) soll gegründet werden, der Dorfchef will davon Chef werden. Er versteht jedoch nicht, warum Frauen in den Prozess eingeschlossen werden sollten. Da die Inklusion von Frauen genauso wie von sehr Armen aber Pflicht ist, willigt er ein und es findet ein Treffen der Community Organization statt.
Was ist das größte Problem das die Frauen sehen? Sie beschweren sich, dass sie sehr weit gehen müssen um Wasser zu bekommen und dies ihr größtes Problem sei und sie dort Verbesserungen wünschen.
Der Initiator der Community Organization erklärt den Dorfbewohnern dann, dass sie als Einheit zusammenarbeiten müssen. Das Theaterstück endet mit dem Bau einer Brücke, über die der Arzt das kranke Kind, die Lehrer die Schule und die Frauen die Wasserstelle erreichen können. Außerdem bekommt der gehbehinderte Dorfbewohner endlich einen Rollstuhl.

Viele Dinge im täglichen Leben die wir als völlig selbstverständlich betrachten sind in Pakistan nicht nur schlecht sondern oft überhaupt nicht vorhanden. In vielen Dörfern und Gebieten ist es schon ein Fortschritt wenn Trinkwasser auch nur im weiteren Umfeld des Dorfes, überhaupt irgendeine Schulbildung, irgendeine medizinische Versorgung und natürlich Unterstützung für Behinderte besteht. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass in vielen Dörfern diese sehr grundlegenden Dinge auch heute noch nicht vorhanden sind.

Das zweite Beispiel ist eine Folie aus einer Präsentation von Prof. Dr. Imran Rasul vom University College London, die er auf der Konferenz gehalten hat. Vorgestellt wurde eine Studie die die Wirkungen von Geld im Vergleich zu gleichwertigen Sachleistungen verglichen hat. Ich fand die Folie aber daher sehr interessant, da Preise für die Eröffnung verschiedener Kleinstfirmen zu sehen sind, die aber in Pakistan den Unterschied machen zwischen hungern und einem relativ guten Leben. Die Teilnehmer konnten sich Bündel aus dieser Tabelle im Gesamtwert von 50.000 Rupien aussuchen, was etwa 350 € entspricht. Wie man sehen kann, sind die Materialien die zur Gründung solch einer Firma nötig sind oft sogar noch deutlich günstiger erhältlich. Auch das ist ein gutes Beispiel um sich der Verhältnisse bewusst zu werden und zu verstehen um was für Armut es sich hier handelt im Vergleich zu unseren Leben in Europa und anderen Teilen der Welt. Oft sind nicht mal die 70 € vorhanden, die reichen würden um eine Schneiderei zu eröffnen und einen Lebensunterhalt zu verdienen.

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