- April, Donnerstag
Die letzten drei Tage waren für alle
bei PPAF und sogar für mich relativ hektisch, da gestern und heute
die erste „International Conference on Research and Learning“ im
Pak-China Center stattgefunden hat, auf der besonders die
wissenschaftliche Begleitung und Aufarbeitung der Entwicklungsarbeit
verschiedener Institutionen durch die Weltbank und PPAF, die
Organisation bei der ich bin, im Mittelpunkt stand. Heute Abend klang
die Konferenz dann bei einem wunderschönen Sufi Konzert im Islamabad
Club aus. Obwohl ich erst bei meinem ersten Besuch in Pakistan mit
Sufi Musik in Kontakt gekommen bin, werde ich bald mal einen eigenen
Eintrag über diese Musik schreiben, da ich schon beim ersten Mal von
Melodie, Text und Stimmung überwältigt war und nicht glauben
konnte, dass ich bisher nie wirklich davon gehört hatte.
Insgesamt war das Programm der
Konferenz sehr interessant und vielfältig, mir sind aber besonders
zwei völlig unterschiedliche Momente besonders wichtig die ich hier
gerne teilen möchte, da ich beide als Beispiele außerordentlich
hilfreich fand, um sich einmal wieder zu vergegenwärtigen, was es
heißt richtig und absolut arm zu sein. Auch wenn vielen Menschen in
Deutschland bewusst ist, dass Milliarden Menschen in absoluter Armut
leben und auch wenn besonders Studenten und Akademiker gerade die
theoretischen Konzepte wie Armutsgrenzen (1$ pro Tag), relative Armut
usw. kennen, sind solche einzelnen Momente meiner Meinung nach sehr
wichtig. Sie ermöglichen einem sich zumindest für eine kurze Zeit
wieder der Verhältnisse zwischen einem Leben in Deutschland oder
auch in der pakistanischen Oberschicht und den Leben vieler
bitterarmer Menschen in Südasien, aber auch in anderen Teilen der
Welt bewusst zu werden.
Das erste Beispiel ist eine kleines
Theaterstück, das auf der der Konferenz zwischen zwei
Programmpunkten aufgeführt wurde. Ich habe während des Stücks, das
auf Urdu aufgeführt wurde, eine kleine Simultanübersetzung von
meiner Nebensitzerin bekommen:
Der große Bruder fragt die Schwester
warum sie nicht in der Schule war. Die Schwester antwortet: „Es
gibt keine Schule in unserem Dorf“
Danach fragt ein junges Paar mit einem
kranken Baby nach dem Krankenhaus, jedoch gibt es leider keinen
Doktor im Krankenhaus. Sie machen sich dann zu Fuß auf um von
jemandem ins nächste Krankenhaus mitgenommen zu werden.
Gemeinsames Flehen der
Dorfgemeinschaft: „Was sollen wir tun? Die Armut tötet uns.“
Mutter zur Tochter: „Du bist seit
drei Tagen zu Hause. Hör auf dich um deine Kleidung zu scheren und
hilf mit!“
Tochter: „Im anderen Dorf bei der
Hochzeit war alles so schön. Alles hat funktioniert, die Straßen
waren sauber und schön.“
Darauf folgt ein Gespräch, in dem es
darum geht, dass jemand in das andere Dorf kam und es seitdem in
vielen Bereichen des täglichen Lebens viel besser ist. Der
Dorfälteste fordert, dass diese Person zu ihm gebracht werde.
Die Person kommt und es findet eine
Dorfversammlung statt um die Verbesserungsmöglichkeiten zu
besprechen.
Eine Community Organization (sehr
grundlegende Dorfversammlung, durch die Entwicklungsprojekte je nach
individueller Nachfrage an das einzelne Dorf angepasst werden sollen)
soll gegründet werden, der Dorfchef will davon Chef werden. Er
versteht jedoch nicht, warum Frauen in den Prozess eingeschlossen
werden sollten. Da die Inklusion von Frauen genauso wie von sehr
Armen aber Pflicht ist, willigt er ein und es findet ein Treffen der
Community Organization statt.
Was ist das größte Problem das die
Frauen sehen? Sie beschweren sich, dass sie sehr weit gehen müssen
um Wasser zu bekommen und dies ihr größtes Problem sei und sie dort
Verbesserungen wünschen.
Der Initiator der Community
Organization erklärt den Dorfbewohnern dann, dass sie als Einheit
zusammenarbeiten müssen. Das Theaterstück endet mit dem Bau einer
Brücke, über die der Arzt das kranke Kind, die Lehrer die Schule
und die Frauen die Wasserstelle erreichen können. Außerdem bekommt
der gehbehinderte Dorfbewohner endlich einen Rollstuhl.
Viele Dinge im täglichen Leben die wir
als völlig selbstverständlich betrachten sind in Pakistan nicht nur
schlecht sondern oft überhaupt nicht vorhanden. In vielen Dörfern
und Gebieten ist es schon ein Fortschritt wenn Trinkwasser auch nur
im weiteren Umfeld des Dorfes, überhaupt irgendeine Schulbildung,
irgendeine medizinische Versorgung und natürlich Unterstützung für
Behinderte besteht. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass in vielen
Dörfern diese sehr grundlegenden Dinge auch heute noch nicht
vorhanden sind.
Das zweite Beispiel ist eine Folie aus einer Präsentation von Prof. Dr. Imran Rasul vom University College London, die er auf der Konferenz gehalten hat. Vorgestellt wurde eine Studie die die Wirkungen von Geld im Vergleich zu gleichwertigen Sachleistungen verglichen hat. Ich fand die Folie aber daher sehr interessant, da Preise für die Eröffnung verschiedener Kleinstfirmen zu sehen sind, die aber in Pakistan den Unterschied machen zwischen hungern und einem relativ guten Leben. Die Teilnehmer konnten sich Bündel aus dieser Tabelle im Gesamtwert von 50.000 Rupien aussuchen, was etwa 350 € entspricht. Wie man sehen kann, sind die Materialien die zur Gründung solch einer Firma nötig sind oft sogar noch deutlich günstiger erhältlich. Auch das ist ein gutes Beispiel um sich der Verhältnisse bewusst zu werden und zu verstehen um was für Armut es sich hier handelt im Vergleich zu unseren Leben in Europa und anderen Teilen der Welt. Oft sind nicht mal die 70 € vorhanden, die reichen würden um eine Schneiderei zu eröffnen und einen Lebensunterhalt zu verdienen.
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