| Imran Khan |
When I came to Pakistan for the first time, last fall, I realized
that my idea of politics and a political environment was influenced
to a great extent by the western democratic and capitalist model. I
was talking to one of the Pakistani students about his voting
decision in the elections that had just passed and he explained that
his choice was almost entirely guided by only two factors: Corruption
and Taliban. He voted for a party called
Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI – Pakistan Movement for Justice)
which is led by the cricket-turned-politician 'Imran Khan'. PTI was
focusing their election campaign on promising a lot of reforms,
negotiations with the Taliban and fighting the pervasive corruption.
Although especially many young people put their hopes in him and his
party and the polls saw him right behind Nawaz Sharif, the current
prime minister, PTI lost the elections. Most people I talked to say
he lost due to rigging, however, some also say that although they
shared his points of view, they did not think that he had a capable
and experienced enough team to actually lead the country. Therefore,
people did not vote for him.
Despite the defeat this is a prime example of
how voting decisions in Pakistan are certainly not based on concepts
such as right-wing or left-wing, liberal or socialist in an economic
sense or any of the other reasons on which I usually base my voting
decision. In that moment I realized that in order to
understand politics in this part of the world I need to step back and
take a much more comprehensive look considering not only the parties
themselves but many other factors. Back then though I had no idea how
many factors this would be and how complicated it could possibly get.
Being here again and knowing much more it seems that although I am
still nowhere close to understanding Pakistani politics I at least
got a glimpse of its complexity and numerous contradictions.
Als ich letzten Herbst zum
ersten Mal nach Pakistan kam, realisierte ich, dass das demokratische
und kapitalistische Model aus dem Westen meine Vorstellung von
Politik und allem was dazugehört stark prägt. Ich unterhielt mich
mit einem pakistanischen Studenten über seine Wahlentscheidung bei
den meinem Besuch vorausgegangenen Wahlen und er erklärte mir, dass
seine Wahl hauptsächlich von zwei Faktoren abhängig war: Korruption
und den Taliban. Er wählte daher die vom früheren Kricketspieler
Imran Khan gegründete Partei Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI –
Pakistanische Bewegung für Gerechtigkeit). Die PTI versprach im
Wahlkampf viele Reformen, Verhandlungen mit den Taliban und sagte der
Korruption den Kampf an, was dazu führte, dass besonders viele junge
Pakistanis ihre Hoffnungen in die PTI setzten. Bei den Wahlen musste
sich PTI dann trotz guter Umfragen der Partei von Nawaz Sharif, dem
aktuellen Premier, geschlagen geben. Die meisten Leute mit denen ich
über die Wahlen gesprochen habe gehen davon aus, dass Wahlbetrug und
Stimmenkauf zu dem schlechten Ergebnis für PTI geführt haben,
jedoch sagen auch viele, dass obwohl ihre Ansichten grundsätzlich
mit denen von PTI übereinstimmen, sie der Meinung waren, dass Imran
Khan kein ausreichend erfahrenes Team habe um das Land in diesen
schwierigen Zeiten tatsächlich zu führen und sie daher nicht für
ihn gestimmt hätten.
Trotz PTIs Niederlage ist dies ein gutes Beispiel
dafür, dass Wahlentscheidungen in Pakistan eben nicht auf Konzepten
beruhen welche z.B. in Europa die Wahlen beeinflussen, wie rechts und
links oder sozialdemokratisch und konservativ, sondern im Gegenteil
völlig andere Einflüsse haben. In diesem Moment verstand ich, dass
um Politik in diesem Teil der Welt zu verstehen, ich meine ganze
Sichtweise ändern und mir ein viel umfassenderes Bild machen muss,
das weit über die Parteienlandschaft hinaus geht. Wie umfassend und
von wie vielen Faktoren beinflusst dieses Bild sein würde konnte ich
mir aber nicht annähernd vorstellen. Jetzt, da ich wieder in
Pakistan bin, bin ich zwar immer noch weit entfernt davon alles zu
verstehen, aber habe zumindest eine Ahnung von der Komplexität und
den unzähligen Widersprüchen innerhalb der pakistanischen Politik.
Diversity. Vielfalt.
| Languages of Pakistan |
First of all, Pakistan as a country that stretches from the highest
mountains to sandy deserts is already very complex. It is extremely
diverse in terms of languages, cultures, religions, dances and music,
landscapes and even looks. Not only are there 150 languages of which
at least 6 languages can be considered to be main languages, each
spoken by millions of people, but most of these languages are also
related to a certain origin or clanship. Of course the main religion
Islam is further divided into various sects due to contradiction on
certain religious traditions among the followers. Considering all
these differences there is maybe only one common topic that unites
the country: the arch rivalry with India. Since the partition from
India in 1947 nationalism is being carefully nurtured based on the
idea of the necessity of a Muslim country. The latest remarks from
India's opposition leader Giriraj Singh, who said that everyone who
does not support their presidential candidate must be pro-Pakistan,
show that at least this one feeling is mutual on both sides of the
border.
Looking at the most grass-root structure, the poor family in the
rural village already reveals a lot about the difficulties related
with democracy in a country like Pakistan. Usually the education
level in the villages is very low and the majority of people are
illiterate. Therefore many people have absolutely no idea of
democracy and what politics is supposed to do for them. The voting
decision is usually made by the head of the family and is followed by
all relatives. Women however are often not allowed to go and vote.
The voting decision of the head of the family is again influenced by
a number of factors. On the one hand there might be vote buying, on
the other hand even lesser incentives such as ethnicity, origin and
other characteristics of a politician might influence the voting
decision. And most of the times the entire village will follow the
village boss in their voting decision. There are even more influences
but in can be said that generally people do not align their voting
decision with the personal benefits that would arise from a certain
party.
Von einigen der höchsten Gipfel der Welt im
Norden zu den uwirtlichsten Wüsten im Süden erstreckt sich ein Land,
das an sich schon sehr komplex ist. Kulturen, Sprachen, Religionen,
Tänze, Musik, Landschaften und sogar Aussehen der Menschen
unterscheiden sich teilweise enorm. In Pakistan gibt es mehr als 150
Sprachen von denen mindestens sechs als Landessprache gelten und
jeweils von Millionen von Menschen gesprochen werden. Darüber hinaus
ist fast jede Sprache auch noch mit einer bestimmten Herkunft oder
Stammeszugehörigkeit verbunden. Obwohl die überwiegende Mehrkeit
der Pakistanis Muslime sind ist auch der Islam in Pakistan in
unzählige Gruppierungen und Untergruppierungen zersplittert. Auch in
Deutschland bekannt ist die immer währende Feindschaft zwischen
Sunnis und Shias, die auch in Pakistan immer wieder zu Unruhen führt.
Es gibt wahrscheinlich nur ein Thema bei dem sich Pakistanis trotz
aller Unterschiede einig sind: die Feindschaft mit dem Erzrivalen
Indien. Seit der Teilung der früheren britischen Kolonie 1947 in
Indien und Pakistan wird mit der Begründung, dass die Muslime in
diesem Gebiet einen eigenen Staat bräuchten, der Nationalismus
gehegt und gepflegt. Aber ein Blick über die Grenze nach Indien
zeigt, dass auch wenn Pakistanis und Inder sonst nichts gemeinsam
haben, wenigstens die Feindseligkeit auf Gegenseitigkeit beruht. Der
indische Oppositionsführer Giriraj Singh beschuldigte im Vorfeld der
gerade stattfindenden Wahlen alle Wähler, die nicht auf der Seite
seiner nationalistischen Partei stehen, pro-Pakistan zu sein.
Man kann schon viel über die Problematik lernen,
die Demokratie in einem Land wie Pakistan mit sich bringt, wenn man
die grundlegendste
Einheit betrachtet, die arme Familie auf dem Land. Das Bildungsniveau
in den Dörfern ist meistens sehr niedrig und die meisten Menschen
sind Analphabeten. Daher hat die Mehrheit absolut keine Ahnung was
Demokratie ist und wofür Politik eigentlich gut ist. Die
Wahlentscheidung wird überlicherweise vom Familienoberhaupt
getroffen und von allen Verwandten befolgt, wobei Frauen oft nicht
wählen gehen dürfen oder wollen. Wen das Familienoberhaupt wählt
ist wiederum von vielen anderen Faktoren abhängig. Zum einen werden
viele Stimmen gekauft, zum Anderen hängt die Entscheidung oft vom
persönlichen Hintergrund, der Stammeszugehörigkeit oder der
Herkunft des zu wählenden Politikers ab. Ein Pakistani hat mir
erzählt, dass oft ein kostenloses Essen reicht um den Menschen die
Entscheidung abzunehmen. Und meistens wählt sowieso das ganze Dorf
so wie es der „Bürgermeister“ oder der einflussreichste
Dorfbewohner will. Das steht ganz im Gegensatz zu unserer
Vorstellung, in der wir meistens die Partei wählen die uns am
meisten entspricht oder von der wir uns den größten persönlichen
Vorteil erhoffen. Als Konsequenz werden hier Parteien von der
Mehrheit gewählt, die derselben Mehrheit noch nicht einmal
Versprechungen machen, geschweige denn tatsächlich für diese Mehrheit
Politik machen.
Foreign and domestic forces struggle for power. Innere und äußere Kräfte ringen um Macht.
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| Parliament building. Parlament. |
On the national level the big boys come into play. Pakistan was led
during half the time since the partition by the military which is
very powerful. It has the 7th largest army in the world
and is considered to be the best organized institution in the
country. A number of military coups and the fact that the country was
ruled by the military many times allowed it to expand into many areas
in society. Factories, banks, educational institutions and even
shopping malls and petrol stations are being run by the military and
assure that it does not lose its power. Just a few days ago a famous anchorman was shot and his network immediately blamed the military and secret services for the attack. Even though there was hardly any evidence for the military to be involved, the accusations backfired and public opinion turned against the network. The main argument was that the military is the dignity of the country and should not be besmirched.
But national politics are nowadays and not surprisingly mainly
influenced by politicians and, maybe more surprisingly, by
bureaucrats. In fact, the bureaucracy is often considered to have more
power than politicians and to be the actual decision maker. On top of
this more than blurry separation of power are both realms pervaded by
corruption. Pakistan ranks 127 out of 175 on Transparency
International's Corruption Perception Index. Considering this large
extent of corruption politicians as well as bureaucrats do often live
very comfortable lives including expensive cars, big houses and only
the best schools and universities for their children. Some say that
since the decision makers do have such a good life there might be not
much incentive for them to actually change anything.
On top of these homemade problems there are powerful groups inside
the country of which at least some are supported from outside
Pakistan. Some of these stories might be true, others might be more
conspiracy theories, but no matter what, these groups destabilize the
country enormously. The most famous are of course the Taliban. They
state their goal as to create a country based on their extremist
values and their interpretation of Islam. However many Pakistanis
think that Taliban receives a lot of money from Saudi-Arabia.
Saudi-Arabia would, on one hand have a strong interest in assuring
that the region stays on track with their strictly religious
governance structure. On the other hand, it is thought that a strong
Islam is an imperative to keep up the good business that is made with
Hajj, the Islamic pilgrimage to Mecca. Every Muslim is supposed to do this pilgrimage at least once in their life and since Mecca is nowadays by chance part of Saudi-Arabia it is a huge income generator for the country with roughly 1.5 million foreign pilgrims every year. However, Taliban are not the 'only'
troublemakers.
In Balochistan, a large province in the south
west of Pakistan, Baloch separatists continuously clash with the
Pakistani military. Although their objective might really be
independence there are some that accuse the USA and India to be
funding the separatists to keep the region destabilized. The reason
why the USA would be interested in a restive Balochistan is China's
increasing influence in Pakistan with one of the biggest investments
being the huge Gwadar harbor on the Baloch coast which creates cheap access to
European and Middle Eastern Markets for China.
It is certainly very difficult to get a comprehensive picture of
political dynamics in Pakistan, but the lesson I learned from this
array of influences is that there is not a single actor that can be
blamed for the status quo. A combination of factors from within and
without the country have shaped Pakistan in the last century and
made it to what it is today.
Auf der nationalen Ebene sind die wirklich
Mächtigen am Werk. Etwa die Hälfte der Zeit seit der Teilung in
Indien und Pakistan wurde Pakistan von einer Militärdikatur regiert.
Das Militär ist die siebtgrößte Armee der Welt und wird als die
bestorganisierteste Institution im Land angesehen. Während der Zeit
in der Regierung vergrößerte das Militär seinen Einfluss ständig
und mischt heute in vielen Bereichen der Gesellschaft mit. Fabriken,
Banken, Universitäten und Schulen sowie sogar Einkaufszentren und
Tankstellen werden vom Militär betrieben und sichern ihm seine
Macht. Erst vor ein paar Tagen hat ein Fernsehsender das Militär und
den Geheimdienst beschuldigt, einen seiner Moderatoren angeschossen zu haben, was im ganzen Land zu einem Aufschrei führte. Wer das Militär
beleidige, beschmutze die Würde Pakistans und sei kein guter
Pakistani, war zu hören.
Aber in Zeiten von Demokratie ist die nationale
Politik natürlich hauptsächlich von Politikern aber leider auch stark von Bürokraten beeinflusst. Der
Bürokratie wird sogar mehr Macht als den Politikern zugesprochen,
sie gilt oft als letzte Instanz. Als ob diese sehr unscharfe
Gewaltenteilung nicht schon reichen würde, sind Politik wie auch
Bürokratie geradezu durchzogen von Korruption. Auf Transparency
Internationals Korruptions Index liegt Pakistan auf Platz 127 von
175. Politiker und Bürokraten leben aufgrund der allgegenwärtigen
Korruption jedoch ein sehr komfortables Leben mit großen Autos und
Häusern und nur den besten Schulen und Universitäten für ihre
Kinder. Manche denken, dass die Entscheidungsträger eigentlich
überhaupt nichts ändern wollen an der Situation im Land, da sich
ihre persönliche Stellung nur verschlechtern würde.
Zusätzlich zu diesen hausgemachten Problemen gibt
es noch weitere mächtige Akteure im Land die aber zumindest
teilweise von außerhalb Pakistans unterstützt werden. Manche dieser
Theorien sind wohl wahr, während andere eher Verschwörungstheorien
sind, aber es ist sicher, dass diese Gruppen das Land gewaltig
destabilisieren. Die bekanntesten Gruppierung sind natürlich die
Taliban, die einen Staat auf Basis ihrer extremistischen Werte und
ihrer eigenwilligen Interpretation des Islam errichten wollen. Viele
Pakistanis glauben, dass die Taliban von Saudi-Arabien unterstützt
werden und zwar aus zwei Gründen: Das saudi-arabische
Regierungssystem baut auf einer sehr strengen Interpretation des
Islams auf, die der der Taliban in großen Teilen ähnelt. Daher
seien die Saudis daran interessiert, dass die Region mit der eigenen
Ideologie im Takt ist. Der zweite Grund ist eher wirtschaftlicher
Natur: Mekka, der heiligste Ort im Islam zu dem jeder Muslim
mindestens einmal in seinem Leben pilgern sollte, liegt in
Saudi-Arabien. Und wie mit jeder anderen Touristenattraktion auch (ca. 1,5 Millionen ausländische Pilger kommen jährlich nach Mekka)
wird in Mekka sehr viel Geld verdient. Somit sei ein starker Islam die Voraussetzung, um das gute Geschäft mit Mekka
aufrechtzuerhalten. Doch leider sind die Taliban nicht die einzigen die
immer wieder Ärger machen.
In Balochistan, einer großen Provinz im Südwesten
Pakistans liefern sich Separatisten immer wieder Gefechte mit dem
Militär. Auch wenn das eigentliche Ziel vielleicht wirklich ein
unabhängiger Staat ist, beschuldigen viele die USA und Indien die
Separatisten zu unterstützen. Indien ist natürlich grundsätzlich
daran interessiert Pakistan kleinzuhalten während die USA eventuell
größere Ziele verfolgen. China hat in den letzten Jahren massiv in
Pakistan investiert und an der Küste in Balochistan den Gwadar
Hafen gekauft und modernisiert. Dieser Hafen würde China einen
billigen Zugang zu Märkten in Europa und dem mittleren Osten
schaffen was die USA natürlich gerne verhindern würden und daher
die Region absichtlich destabilisieren
würde.
Es ist wirklich
sehr schwer sich ein umfassendes Bild der Politik und seiner
Dynamiken in Pakistan zu machen, aber was ich gelernt habe ist, dass
obwohl es manchmal wünschenswert wäre, man keinen einzelnen
Schuldigen für den Status Quo ausmachen kann. Eine ganze Reihe
Faktoren aus dem In- und Ausland haben Pakistan im letzten
Jahrhundert geformt und zu dem gemacht was es heute ist.

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