Montag, 5. Mai 2014

Perplexing Pakistani Politics: Who to Blame? Verwirrende pakistanische Politik: Wer ist eigentlich schuld?

 
Imran Khan
When I came to Pakistan for the first time, last fall, I realized that my idea of politics and a political environment was influenced to a great extent by the western democratic and capitalist model. I was talking to one of the Pakistani students about his voting decision in the elections that had just passed and he explained that his choice was almost entirely guided by only two factors: Corruption and Taliban. He voted for a party called Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI – Pakistan Movement for Justice) which is led by the cricket-turned-politician 'Imran Khan'. PTI was focusing their election campaign on promising a lot of reforms, negotiations with the Taliban and fighting the pervasive corruption. Although especially many young people put their hopes in him and his party and the polls saw him right behind Nawaz Sharif, the current prime minister, PTI lost the elections. Most people I talked to say he lost due to rigging, however, some also say that although they shared his points of view, they did not think that he had a capable and experienced enough team to actually lead the country. Therefore, people did not vote for him.
Despite the defeat this is a prime example of how voting decisions in Pakistan are certainly not based on concepts such as right-wing or left-wing, liberal or socialist in an economic sense or any of the other reasons on which I usually base my voting decision. In that moment I realized that in order to understand politics in this part of the world I need to step back and take a much more comprehensive look considering not only the parties themselves but many other factors. Back then though I had no idea how many factors this would be and how complicated it could possibly get. Being here again and knowing much more it seems that although I am still nowhere close to understanding Pakistani politics I at least got a glimpse of its complexity and numerous contradictions.

Als ich letzten Herbst zum ersten Mal nach Pakistan kam, realisierte ich, dass das demokratische und kapitalistische Model aus dem Westen meine Vorstellung von Politik und allem was dazugehört stark prägt. Ich unterhielt mich mit einem pakistanischen Studenten über seine Wahlentscheidung bei den meinem Besuch vorausgegangenen Wahlen und er erklärte mir, dass seine Wahl hauptsächlich von zwei Faktoren abhängig war: Korruption und den Taliban. Er wählte daher die vom früheren Kricketspieler Imran Khan gegründete Partei Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI – Pakistanische Bewegung für Gerechtigkeit). Die PTI versprach im Wahlkampf viele Reformen, Verhandlungen mit den Taliban und sagte der Korruption den Kampf an, was dazu führte, dass besonders viele junge Pakistanis ihre Hoffnungen in die PTI setzten. Bei den Wahlen musste sich PTI dann trotz guter Umfragen der Partei von Nawaz Sharif, dem aktuellen Premier, geschlagen geben. Die meisten Leute mit denen ich über die Wahlen gesprochen habe gehen davon aus, dass Wahlbetrug und Stimmenkauf zu dem schlechten Ergebnis für PTI geführt haben, jedoch sagen auch viele, dass obwohl ihre Ansichten grundsätzlich mit denen von PTI übereinstimmen, sie der Meinung waren, dass Imran Khan kein ausreichend erfahrenes Team habe um das Land in diesen schwierigen Zeiten tatsächlich zu führen und sie daher nicht für ihn gestimmt hätten.
Trotz PTIs Niederlage ist dies ein gutes Beispiel dafür, dass Wahlentscheidungen in Pakistan eben nicht auf Konzepten beruhen welche z.B. in Europa die Wahlen beeinflussen, wie rechts und links oder sozialdemokratisch und konservativ, sondern im Gegenteil völlig andere Einflüsse haben. In diesem Moment verstand ich, dass um Politik in diesem Teil der Welt zu verstehen, ich meine ganze Sichtweise ändern und mir ein viel umfassenderes Bild machen muss, das weit über die Parteienlandschaft hinaus geht. Wie umfassend und von wie vielen Faktoren beinflusst dieses Bild sein würde konnte ich mir aber nicht annähernd vorstellen. Jetzt, da ich wieder in Pakistan bin, bin ich zwar immer noch weit entfernt davon alles zu verstehen, aber habe zumindest eine Ahnung von der Komplexität und den unzähligen Widersprüchen innerhalb der pakistanischen Politik.

Diversity. Vielfalt.



Languages of Pakistan
First of all, Pakistan as a country that stretches from the highest mountains to sandy deserts is already very complex. It is extremely diverse in terms of languages, cultures, religions, dances and music, landscapes and even looks. Not only are there 150 languages of which at least 6 languages can be considered to be main languages, each spoken by millions of people, but most of these languages are also related to a certain origin or clanship. Of course the main religion Islam is further divided into various sects due to contradiction on certain religious traditions among the followers. Considering all these differences there is maybe only one common topic that unites the country: the arch rivalry with India. Since the partition from India in 1947 nationalism is being carefully nurtured based on the idea of the necessity of a Muslim country. The latest remarks from India's opposition leader Giriraj Singh, who said that everyone who does not support their presidential candidate must be pro-Pakistan, show that at least this one feeling is mutual on both sides of the border.
Looking at the most grass-root structure, the poor family in the rural village already reveals a lot about the difficulties related with democracy in a country like Pakistan. Usually the education level in the villages is very low and the majority of people are illiterate. Therefore many people have absolutely no idea of democracy and what politics is supposed to do for them. The voting decision is usually made by the head of the family and is followed by all relatives. Women however are often not allowed to go and vote. The voting decision of the head of the family is again influenced by a number of factors. On the one hand there might be vote buying, on the other hand even lesser incentives such as ethnicity, origin and other characteristics of a politician might influence the voting decision. And most of the times the entire village will follow the village boss in their voting decision. There are even more influences but in can be said that generally people do not align their voting decision with the personal benefits that would arise from a certain party.

Von einigen der höchsten Gipfel der Welt im Norden zu den uwirtlichsten Wüsten im Süden erstreckt sich ein Land, das an sich schon sehr komplex ist. Kulturen, Sprachen, Religionen, Tänze, Musik, Landschaften und sogar Aussehen der Menschen unterscheiden sich teilweise enorm. In Pakistan gibt es mehr als 150 Sprachen von denen mindestens sechs als Landessprache gelten und jeweils von Millionen von Menschen gesprochen werden. Darüber hinaus ist fast jede Sprache auch noch mit einer bestimmten Herkunft oder Stammeszugehörigkeit verbunden. Obwohl die überwiegende Mehrkeit der Pakistanis Muslime sind ist auch der Islam in Pakistan in unzählige Gruppierungen und Untergruppierungen zersplittert. Auch in Deutschland bekannt ist die immer währende Feindschaft zwischen Sunnis und Shias, die auch in Pakistan immer wieder zu Unruhen führt. Es gibt wahrscheinlich nur ein Thema bei dem sich Pakistanis trotz aller Unterschiede einig sind: die Feindschaft mit dem Erzrivalen Indien. Seit der Teilung der früheren britischen Kolonie 1947 in Indien und Pakistan wird mit der Begründung, dass die Muslime in diesem Gebiet einen eigenen Staat bräuchten, der Nationalismus gehegt und gepflegt. Aber ein Blick über die Grenze nach Indien zeigt, dass auch wenn Pakistanis und Inder sonst nichts gemeinsam haben, wenigstens die Feindseligkeit auf Gegenseitigkeit beruht. Der indische Oppositionsführer Giriraj Singh beschuldigte im Vorfeld der gerade stattfindenden Wahlen alle Wähler, die nicht auf der Seite seiner nationalistischen Partei stehen, pro-Pakistan zu sein.
Man kann schon viel über die Problematik lernen, die Demokratie in einem Land wie Pakistan mit sich bringt, wenn man die grundlegendste Einheit betrachtet, die arme Familie auf dem Land. Das Bildungsniveau in den Dörfern ist meistens sehr niedrig und die meisten Menschen sind Analphabeten. Daher hat die Mehrheit absolut keine Ahnung was Demokratie ist und wofür Politik eigentlich gut ist. Die Wahlentscheidung wird überlicherweise vom Familienoberhaupt getroffen und von allen Verwandten befolgt, wobei Frauen oft nicht wählen gehen dürfen oder wollen. Wen das Familienoberhaupt wählt ist wiederum von vielen anderen Faktoren abhängig. Zum einen werden viele Stimmen gekauft, zum Anderen hängt die Entscheidung oft vom persönlichen Hintergrund, der Stammeszugehörigkeit oder der Herkunft des zu wählenden Politikers ab. Ein Pakistani hat mir erzählt, dass oft ein kostenloses Essen reicht um den Menschen die Entscheidung abzunehmen. Und meistens wählt sowieso das ganze Dorf so wie es der „Bürgermeister“ oder der einflussreichste Dorfbewohner will. Das steht ganz im Gegensatz zu unserer Vorstellung, in der wir meistens die Partei wählen die uns am meisten entspricht oder von der wir uns den größten persönlichen Vorteil erhoffen. Als Konsequenz werden hier Parteien von der Mehrheit gewählt, die derselben Mehrheit noch nicht einmal Versprechungen machen, geschweige denn tatsächlich für diese Mehrheit Politik machen. 
 

Foreign and domestic forces struggle for power. Innere und äußere Kräfte ringen um Macht.

 
Parliament building. Parlament.
On the national level the big boys come into play. Pakistan was led during half the time since the partition by the military which is very powerful. It has the 7th largest army in the world and is considered to be the best organized institution in the country. A number of military coups and the fact that the country was ruled by the military many times allowed it to expand into many areas in society. Factories, banks, educational institutions and even shopping malls and petrol stations are being run by the military and assure that it does not lose its power. Just a few days ago a famous anchorman was shot and his network immediately blamed the military and secret services for the attack. Even though there was hardly any evidence for the military to be involved, the accusations backfired and public opinion turned against the network. The main argument was that the military is the dignity of the country and should not be besmirched.  
But national politics are nowadays and not surprisingly mainly influenced by politicians and, maybe more surprisingly, by bureaucrats. In fact, the bureaucracy is often considered to have more power than politicians and to be the actual decision maker. On top of this more than blurry separation of power are both realms pervaded by corruption. Pakistan ranks 127 out of 175 on Transparency International's Corruption Perception Index. Considering this large extent of corruption politicians as well as bureaucrats do often live very comfortable lives including expensive cars, big houses and only the best schools and universities for their children. Some say that since the decision makers do have such a good life there might be not much incentive for them to actually change anything.

On top of these homemade problems there are powerful groups inside the country of which at least some are supported from outside Pakistan. Some of these stories might be true, others might be more conspiracy theories, but no matter what, these groups destabilize the country enormously. The most famous are of course the Taliban. They state their goal as to create a country based on their extremist values and their interpretation of Islam. However many Pakistanis think that Taliban receives a lot of money from Saudi-Arabia. Saudi-Arabia would, on one hand have a strong interest in assuring that the region stays on track with their strictly religious governance structure. On the other hand, it is thought that a strong Islam is an imperative to keep up the good business that is made with Hajj, the Islamic pilgrimage to Mecca. Every Muslim is supposed to do this pilgrimage at least once in their life and since Mecca is nowadays by chance part of Saudi-Arabia it is a huge income generator for the country with roughly 1.5 million foreign pilgrims every year. However, Taliban are not the 'only' troublemakers.

In Balochistan, a large province in the south west of Pakistan, Baloch separatists continuously clash with the Pakistani military. Although their objective might really be independence there are some that accuse the USA and India to be funding the separatists to keep the region destabilized. The reason why the USA would be interested in a restive Balochistan is China's increasing influence in Pakistan with one of the biggest investments being the huge Gwadar harbor on the Baloch coast which creates cheap access to European and Middle Eastern Markets for China. 

It is certainly very difficult to get a comprehensive picture of political dynamics in Pakistan, but the lesson I learned from this array of influences is that there is not a single actor that can be blamed for the status quo. A combination of factors from within and without the country have shaped Pakistan in the last century and made it to what it is today.
 
Auf der nationalen Ebene sind die wirklich Mächtigen am Werk. Etwa die Hälfte der Zeit seit der Teilung in Indien und Pakistan wurde Pakistan von einer Militärdikatur regiert. Das Militär ist die siebtgrößte Armee der Welt und wird als die bestorganisierteste Institution im Land angesehen. Während der Zeit in der Regierung vergrößerte das Militär seinen Einfluss ständig und mischt heute in vielen Bereichen der Gesellschaft mit. Fabriken, Banken, Universitäten und Schulen sowie sogar Einkaufszentren und Tankstellen werden vom Militär betrieben und sichern ihm seine Macht. Erst vor ein paar Tagen hat ein Fernsehsender das Militär und den Geheimdienst beschuldigt, einen seiner Moderatoren angeschossen zu haben, was im ganzen Land zu einem Aufschrei führte. Wer das Militär beleidige, beschmutze die Würde Pakistans und sei kein guter Pakistani, war zu hören.
Aber in Zeiten von Demokratie ist die nationale Politik natürlich hauptsächlich von Politikern aber leider auch stark von Bürokraten beeinflusst. Der Bürokratie wird sogar mehr Macht als den Politikern zugesprochen, sie gilt oft als letzte Instanz. Als ob diese sehr unscharfe Gewaltenteilung nicht schon reichen würde, sind Politik wie auch Bürokratie geradezu durchzogen von Korruption. Auf Transparency Internationals Korruptions Index liegt Pakistan auf Platz 127 von 175. Politiker und Bürokraten leben aufgrund der allgegenwärtigen Korruption jedoch ein sehr komfortables Leben mit großen Autos und Häusern und nur den besten Schulen und Universitäten für ihre Kinder. Manche denken, dass die Entscheidungsträger eigentlich überhaupt nichts ändern wollen an der Situation im Land, da sich ihre persönliche Stellung nur verschlechtern würde.
Zusätzlich zu diesen hausgemachten Problemen gibt es noch weitere mächtige Akteure im Land die aber zumindest teilweise von außerhalb Pakistans unterstützt werden. Manche dieser Theorien sind wohl wahr, während andere eher Verschwörungstheorien sind, aber es ist sicher, dass diese Gruppen das Land gewaltig destabilisieren. Die bekanntesten Gruppierung sind natürlich die Taliban, die einen Staat auf Basis ihrer extremistischen Werte und ihrer eigenwilligen Interpretation des Islam errichten wollen. Viele Pakistanis glauben, dass die Taliban von Saudi-Arabien unterstützt werden und zwar aus zwei Gründen: Das saudi-arabische Regierungssystem baut auf einer sehr strengen Interpretation des Islams auf, die der der Taliban in großen Teilen ähnelt. Daher seien die Saudis daran interessiert, dass die Region mit der eigenen Ideologie im Takt ist. Der zweite Grund ist eher wirtschaftlicher Natur: Mekka, der heiligste Ort im Islam zu dem jeder Muslim mindestens einmal in seinem Leben pilgern sollte, liegt in Saudi-Arabien. Und wie mit jeder anderen Touristenattraktion auch (ca. 1,5 Millionen ausländische Pilger kommen jährlich nach Mekka) wird in Mekka sehr viel Geld verdient. Somit sei ein starker Islam die Voraussetzung, um das gute Geschäft mit Mekka aufrechtzuerhalten. Doch leider sind die Taliban nicht die einzigen die immer wieder Ärger machen.

In Balochistan, einer großen Provinz im Südwesten Pakistans liefern sich Separatisten immer wieder Gefechte mit dem Militär. Auch wenn das eigentliche Ziel vielleicht wirklich ein unabhängiger Staat ist, beschuldigen viele die USA und Indien die Separatisten zu unterstützen. Indien ist natürlich grundsätzlich daran interessiert Pakistan kleinzuhalten während die USA eventuell größere Ziele verfolgen. China hat in den letzten Jahren massiv in Pakistan investiert und an der Küste in Balochistan den Gwadar Hafen gekauft und modernisiert. Dieser Hafen würde China einen billigen Zugang zu Märkten in Europa und dem mittleren Osten schaffen was die USA natürlich gerne verhindern würden und daher die Region absichtlich destabilisieren würde. 
 
Es ist wirklich sehr schwer sich ein umfassendes Bild der Politik und seiner Dynamiken in Pakistan zu machen, aber was ich gelernt habe ist, dass obwohl es manchmal wünschenswert wäre, man keinen einzelnen Schuldigen für den Status Quo ausmachen kann. Eine ganze Reihe Faktoren aus dem In- und Ausland haben Pakistan im letzten Jahrhundert geformt und zu dem gemacht was es heute ist.



Donnerstag, 10. April 2014

Einmal Pakistani sein. Being Pakistani.


Gestern fuhr ich früh morgens zu einem ziemlich aufregenden und kurzfristig geplanten zweiten Orientation Workshop nach Peshawar in die immer unruhige Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Peshawar ist im Gegensatz zu Islamabad und auch Lahore nicht wirklich sicher für Ausländer, weshalb ich mich traditionell pakistanisch in Shalwar Kameez, hübschen Flip Flops sowie Kappe gekleidet habe bevor ich mich aufgemacht habe. Dort angekommen hat mich Herr Bokhari in Empfang genommen und wir sind direkt auf den Campus der Peshawar University gefahren, wo wir uns im Haus eines Professors mit fünf Pakistanis getroffen haben, die alle im Sommer für zwei Wochen in Deutschland an der Uni Erfurt sein werden. Eigentlich sollte das Treffen in der Fakultät stattfinden, um dort hinein zu dürfen hätte ich aber einen sogenannten “No objections letter” gebraucht, da Besucher sich an vielen Orten in Pakistan aus Sicherheitsgründen im Voraus anmelden müssen und dann eben so einen Brief bekommen. Nach ein paar Stunden Fragen beantworten fuhren wir mit einem der ehemaligen Teilnehmer der Summer School in ein sehr schönes Restaurant mitten in Peshawar wo wir mal wieder, wie so oft als Ausländer in Pakistan, jeder locker das Tagesgehalt eines armen Haushaltes ausgegeben haben.

My plans yesterday were changed on short notice and instead of going to the office I went on a very exciting second orientation workshop to Peshawar, the capital of the restive province Khyber Pakhtunkhwa. The Orientation Workshop is meant for Pakistani students that will come to Germany in Summer for two weeks and is supposed to prepare them and provide them with information about life, differences and challenges they may face in Germany. Peshawar is compared to Lahore and of course to Islamabad not exactly safe for foreigners, which is why I dressed in traditional Shalwar Kameez, nice Pakistanis shoes and a typical hat for my adventure in Peshawar. After Mr. Bokhari picked me up from the bus stop we went straight to University of Peshawar campus where we met the Pakistanis in the house of one of the Professors. The meeting was supposed to take place in a faculty building, but due to security reasons I would have needed a "No objections letter" issued by the university administration. It is a quite common procedure that visitors to official buildings need to inform about their visit in advance and then get this letter. After answering many, many questions and filling the elaborate german visa form, we went for lunch with one of the Summer School alumnis. As is often the case as a foreigner, each of us easily spent the daily wage of a poor household in this country.


Nach einem kurzen Besuch bei Herr Bokharis Familie wurde es dann wirklich spannend, denn wie versprochen durfte ich danach eine Stadtführung durch das alte Peshawar genießen. Und als ob das nicht schon cool genug wäre, haben mich die Leute dort keines Blickes gewürdigt, da ich mit traditioneller Kleidung den Paschtunen, Völkern aus dem Nordwesten Pakistans und großen Teilen Afghanistans so ähnlich sehe, dass ich überhaupt nicht auffalle. Peshawar ist eine sehr beeindruckende Stadt, nicht nur weil es so schwierig ist überhaupt dahin zu kommen, sondern besonders weil Peshawar eine beeindruckende Geschichte vorweisen kann, die über 2000 Jahre zurückreicht. Seit der Gründung war und ist die Stadt eines der wichtigsten Handelszentren und verbindet, Zentralasien, Indien, China mit dem Mittleren und Nahen Osten und sogar Europa. Den berühmten und traditionellen grünen Tee haben wir dementsprechend im Story Teller Bezirk getrunken, wo sich früher die Händler getroffen haben und dann all die Erlebnisse ihrer langen Reisen ausgetauscht und weitererzählt haben. Außerdem gibt es eine ganze Reihe wunderschöner aber leider verfallender Hindu Architektur und hin und wieder läuft einem auch ein Sikh über den Weg. Der alte Stadtkern ist wie schon seit vielen Hundert Jahren geprägt von verschiedenen Märkten, auf denen fast alles angeboten wird, vom goldenen Armreif, über Waffen, Teppiche, Elektronik und was man sich sonst noch alles vorstellen kann. Heutzutage ist die Stadt aber wie die meisten großen Städte in Pakistan genauso geprägt von Smog, Gestank und Dreck. Das einzige was man überhaupt nicht sieht sind Frauen. Peshawar ist eben deutlich konservativer als der Osten des Landes und die wenigen Frauen die man sieht sind dann eigentlich immer komplett mit Burka verhüllt.


A short visit at Mr. Bokhari's family was followed by what was certainly the best part of the day. As promised, Mr. Bokhari took me on a city tour through old Peshawar. And as if that was not cool enough, people did literally not even look at me. For the first time in Asia I blended in with the locals. The reason therefore is that when wearing traditional clothes, I very much resemble Pashtuns which are local mountain tribes from the surrounding areas and large parts of Afghanistan. Peshawar is a stunning city, not only because it is so inaccessable but especially because it has an impressive history dating back more than 2000 years. It used to be and even nowadays is one of the most important trading hubs connecting Central Asia, India and China with the Middle East and Europe. Hence, we drank the famous green tea in the so called story teller district, where the traders would meet and exchange the adventures from their long journeys. There are also a number of decaying old Hindu houses with their beautiful architecture and from time to time a Sikh crossed our way. The old city has for centuries been dominated by different bazars that offer almost everything from golden bracelets, arms, carpets, smuggled goods, electronics and much more. But nowadays the city is just as much dominated by smog, stench and dirt. The only sight one is not able to spot are women. That is because Peshawar is considerably more conservative than the East of the country, resulting in the few women that can be (not) seen to be completely covered from head to toe.


Man merkt deutlich, dass direkt hinter Peshawar die mehr oder weniger selbstverwalteten Stammesgebiete beginnen und es außerdem nur ca. 30-40 km bis zur Grenze mit Afghanistan sind. Da diese Gebiete im Prinzip komplett unzugänglich sind und zwar für Hilfsorganisationen wie auch für die Regierung gleichermaßen, sind hier im Grenzgebiet die Taliban zu Hause, da sie sich als Einzige irgendwie kümmern und außerdem relativ ungestört sind, abgesehen von pakistanischen Militäroffensiven und den Drohneneinsätzen. In mehreren Gesprächen die ich in den letzten Tagen geführt habe wurde mir immer erzählt, dass die allermeisten Leute in diesen Gebieten eigentlich überhaupt nichts mit den Taliban am Hut haben und einen nicht gehen lassen bevor man nicht zumindest einen Tee getrunken und etwas gegessen hat. Da die Gebiete jedoch so abgelegen sind und die Armut oft so groß, verkaufen manche Eltern ihre Kinder für durchschnittlich 140 – 350 € als Selbstmordattentäter an die Taliban. Das ist der Preis für ein Leben wenn die die Verzweiflung groß ist. Dass die religiöse Begründung für den Kampf der Taliban keiner Prüfung standhält, ist glaube ich auch in Deutschland mittlerweile bekannt. Einer meiner Gesprächspartner bei PPAF erzählte mir, wie den wenigen Leuten die erreicht werden können, vorgerechnet wird, wie sich ihr Einkommen entwickelt wenn sie einen Mikrokredit aufnehmen und das Kind mitarbeiten kann im Vergleich zum Verkauf und Tod ihres Kindes. Da die Gebiete aber nur selten von jemandem außer dem Militär erreicht werden, können sich die Taliban bisher ihres Nachwuchses sicher sein.

One can feel that it is only 30-40 km to the Afghan border with the autonomous tribal areas lying in between. These areas are more or less inaccessable for both development NGOs as well as the government. This is home of the Taliban, since they are often the only ones that do at least something in the area and are also somewhat untroubled, apart from Pakistani military offensives and drone attacks every now and then. In a number of conversations I had  in the last days people very much emphasized that most locals in these areas have nothing to do with Taliban and do not let you go before you have not at least had tea and something to eat. But the remoteness of these areas and pervasive poverty sometimes make parents sell their own children for 140 - 350 € as suicide bombers to the Taliban. That  is the price for a life here when people are desperate. I think the fact that religion is nowhere sufficient but actually contradictory to explain the fight Taliban is fighting is by now known in the west. One of the people here told me how they weigh the options together with the few people that can be reached. They compare a microcredit that would lead to a steady stream of income and the child is kept alive to the one time payment mentioned with its fatal outcome. But since these areas are rarely reached by anyone except the military the second option is still chosen much too often.

Mittwoch, 9. April 2014

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen


  1. April, Sonntag
Da am Samstag in Lahore ein Orientation Seminar für die Pakistanis die im Sommer nach Deutschland kommen stattgefunden hat, sind Karen und ich am Freitag Abend von Islamabad mit dem wirklich sehr komfortablen Bus inklusive Wlan über den neuen, gut ausgebauten und für von Tieren gezogenen Karren gesperrten Highway nach Lahore gefahren. Lahore ist im Gegensatz zu Islamabad eine richtige pakistanische Stadt. Während Islamabad relativ ruhig ist und auch der Verkehr sehr erträglich ist, ist Lahore so wie das urbane Pakistan wirklich ist: Voll, laut, dreckig aber auch sehr bunt, lebendig und es ist immer etwas los. Außerdem ist Lahore bekannt als die kulturelle Hauptstadt Pakistans. Trotzdem werden jetzt erst in Pilotprojekten die offenen Abwasserkanäle in geschlossene Abwasserleitungen umgebaut und auch sonst ist vieles wirklich noch sehr rückständig. Transporte innerhalb der Stadt werden oft mit Eselkarren vollzogen, wer sich zum Beispiel ein neues Sofa kauft kann fast sicher davon ausgehen, dass dieses von einem Esel mit Anhänger geliefert wird. Prof. Jamal Malik und vor ihm der Philosoph Ernst Bloch nennen das die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Ansonsten stehen an jeder Ampel Kinder und Erwachsene die einem die verschiedensten Dinge verkaufen wollen oder aber auch einfach nur betteln. Während der drei Tage habe ich fast alle Klassen von normal arm bis für pakistanische Verhältnisse sehr wohlhabend erlebt. Mein pakistanischer Freund Suleman, den ich auf der Fall School letztes Jahr kennen gelernt habe und der Weihnachten mit meiner Familie verbracht hat, wohnt mit seinen vier Schwestern und seiner Mutter in einer kleinen zwei Zimmer Wohnung plus Miniküche und Minibad.

Das ist zwar nur eine temporäre Wohnung, die gemietet wurde damit die eigentlich im Dorf wohnende Familie beim einzigen Sohn sein kann während dieser studiert. Allerdings leben natürlich viele Familien immer unter solchen Bedingungen, die für pakistanische Verhältnisse wirklich noch ziemlich gut sind. Die zweite Wohnung die ich gesehen habe war dann schon in einer gehobenen Gegend und bestand aus drei Zimmern mit aufwendigerer Einrichtung. Das mit Abstand beste Haus, das ich letztes Wochenende gesehen habe, stand in einer sogenannten Gated Community und war eigentlich vergleichbar mit einem großen Reihenhaus in Deutschland. Der Preis für so ein Haus beträgt zwischen 50.000 und 100.000 €, was für die allermeisten Pakistanis absolut unerschwinglich ist. Die kleine Zwei-Zimmer Wohnung kostet übrigens im Verhältnis bescheidene 70 € im Monat, auch das ein Preis, der für viele schon zu hoch ist.


Verhältnisse



  1. April, Donnerstag
Die letzten drei Tage waren für alle bei PPAF und sogar für mich relativ hektisch, da gestern und heute die erste „International Conference on Research and Learning“ im Pak-China Center stattgefunden hat, auf der besonders die wissenschaftliche Begleitung und Aufarbeitung der Entwicklungsarbeit verschiedener Institutionen durch die Weltbank und PPAF, die Organisation bei der ich bin, im Mittelpunkt stand. Heute Abend klang die Konferenz dann bei einem wunderschönen Sufi Konzert im Islamabad Club aus. Obwohl ich erst bei meinem ersten Besuch in Pakistan mit Sufi Musik in Kontakt gekommen bin, werde ich bald mal einen eigenen Eintrag über diese Musik schreiben, da ich schon beim ersten Mal von Melodie, Text und Stimmung überwältigt war und nicht glauben konnte, dass ich bisher nie wirklich davon gehört hatte.

Insgesamt war das Programm der Konferenz sehr interessant und vielfältig, mir sind aber besonders zwei völlig unterschiedliche Momente besonders wichtig die ich hier gerne teilen möchte, da ich beide als Beispiele außerordentlich hilfreich fand, um sich einmal wieder zu vergegenwärtigen, was es heißt richtig und absolut arm zu sein. Auch wenn vielen Menschen in Deutschland bewusst ist, dass Milliarden Menschen in absoluter Armut leben und auch wenn besonders Studenten und Akademiker gerade die theoretischen Konzepte wie Armutsgrenzen (1$ pro Tag), relative Armut usw. kennen, sind solche einzelnen Momente meiner Meinung nach sehr wichtig. Sie ermöglichen einem sich zumindest für eine kurze Zeit wieder der Verhältnisse zwischen einem Leben in Deutschland oder auch in der pakistanischen Oberschicht und den Leben vieler bitterarmer Menschen in Südasien, aber auch in anderen Teilen der Welt bewusst zu werden.

Das erste Beispiel ist eine kleines Theaterstück, das auf der der Konferenz zwischen zwei Programmpunkten aufgeführt wurde. Ich habe während des Stücks, das auf Urdu aufgeführt wurde, eine kleine Simultanübersetzung von meiner Nebensitzerin bekommen:

Der große Bruder fragt die Schwester warum sie nicht in der Schule war. Die Schwester antwortet: „Es gibt keine Schule in unserem Dorf“
Danach fragt ein junges Paar mit einem kranken Baby nach dem Krankenhaus, jedoch gibt es leider keinen Doktor im Krankenhaus. Sie machen sich dann zu Fuß auf um von jemandem ins nächste Krankenhaus mitgenommen zu werden.
Gemeinsames Flehen der Dorfgemeinschaft: „Was sollen wir tun? Die Armut tötet uns.“
Mutter zur Tochter: „Du bist seit drei Tagen zu Hause. Hör auf dich um deine Kleidung zu scheren und hilf mit!“
Tochter: „Im anderen Dorf bei der Hochzeit war alles so schön. Alles hat funktioniert, die Straßen waren sauber und schön.“
Darauf folgt ein Gespräch, in dem es darum geht, dass jemand in das andere Dorf kam und es seitdem in vielen Bereichen des täglichen Lebens viel besser ist. Der Dorfälteste fordert, dass diese Person zu ihm gebracht werde.
Die Person kommt und es findet eine Dorfversammlung statt um die Verbesserungsmöglichkeiten zu besprechen.
Eine Community Organization (sehr grundlegende Dorfversammlung, durch die Entwicklungsprojekte je nach individueller Nachfrage an das einzelne Dorf angepasst werden sollen) soll gegründet werden, der Dorfchef will davon Chef werden. Er versteht jedoch nicht, warum Frauen in den Prozess eingeschlossen werden sollten. Da die Inklusion von Frauen genauso wie von sehr Armen aber Pflicht ist, willigt er ein und es findet ein Treffen der Community Organization statt.
Was ist das größte Problem das die Frauen sehen? Sie beschweren sich, dass sie sehr weit gehen müssen um Wasser zu bekommen und dies ihr größtes Problem sei und sie dort Verbesserungen wünschen.
Der Initiator der Community Organization erklärt den Dorfbewohnern dann, dass sie als Einheit zusammenarbeiten müssen. Das Theaterstück endet mit dem Bau einer Brücke, über die der Arzt das kranke Kind, die Lehrer die Schule und die Frauen die Wasserstelle erreichen können. Außerdem bekommt der gehbehinderte Dorfbewohner endlich einen Rollstuhl.

Viele Dinge im täglichen Leben die wir als völlig selbstverständlich betrachten sind in Pakistan nicht nur schlecht sondern oft überhaupt nicht vorhanden. In vielen Dörfern und Gebieten ist es schon ein Fortschritt wenn Trinkwasser auch nur im weiteren Umfeld des Dorfes, überhaupt irgendeine Schulbildung, irgendeine medizinische Versorgung und natürlich Unterstützung für Behinderte besteht. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass in vielen Dörfern diese sehr grundlegenden Dinge auch heute noch nicht vorhanden sind.

Das zweite Beispiel ist eine Folie aus einer Präsentation von Prof. Dr. Imran Rasul vom University College London, die er auf der Konferenz gehalten hat. Vorgestellt wurde eine Studie die die Wirkungen von Geld im Vergleich zu gleichwertigen Sachleistungen verglichen hat. Ich fand die Folie aber daher sehr interessant, da Preise für die Eröffnung verschiedener Kleinstfirmen zu sehen sind, die aber in Pakistan den Unterschied machen zwischen hungern und einem relativ guten Leben. Die Teilnehmer konnten sich Bündel aus dieser Tabelle im Gesamtwert von 50.000 Rupien aussuchen, was etwa 350 € entspricht. Wie man sehen kann, sind die Materialien die zur Gründung solch einer Firma nötig sind oft sogar noch deutlich günstiger erhältlich. Auch das ist ein gutes Beispiel um sich der Verhältnisse bewusst zu werden und zu verstehen um was für Armut es sich hier handelt im Vergleich zu unseren Leben in Europa und anderen Teilen der Welt. Oft sind nicht mal die 70 € vorhanden, die reichen würden um eine Schneiderei zu eröffnen und einen Lebensunterhalt zu verdienen.