Mittwoch, 9. April 2014

Erste Eindrücke


    30. März, Sonntag
Da mein pakistanischer Kumpel Suleman seit gestern kurz nachdem ich ankam zu Besuch ist, beschlossen wir heute morgen zur Feier des Tages und Wiedersehens erst nach Lok Versa und danach in ein Restaurant zu fahren. Doch nachdem wir kaum fünf Minuten im Taxi sitzen werden wir von der Polizei angehalten, obwohl die hier in Islamabad wirklich an jeder Ecke steht und sich eigentlich nie für einen interessiert. Der Polizist erzählt uns etwas von einem männlichen und einem weiblichen Ausländer die auf genau der Strecke ausgeraubt worden seien und will daher unsere Ausweise sehen. Da wir die nicht dabei haben beginnt Suleman mit den Polizisten zu diskutieren um zu erreichen, dass sie uns doch noch durchlassen. Karen, die zweite deutsche Praktikantin der Uni Erfurt und Ich haben dann vorgeschlagen, dass wir doch auch einfach unsere Ausweise im Guest House holen könnten und sie Ihnen zeigen. Während des gesamten Gesprächs spielt der Polizist, der Suleman übrigens beim Reden nicht in die Augen sondern darüber hinweg schaut, mich dafür umso genauer betrachtet, mit meinem Personalausweis, den ich ihm am Anfang gleich ausgehändigt habe. Nach weiteren fünf Minuten und der Entscheidung, dass ich mit dem Taxifahrer zurückfahre während Karen und Suleman da bleiben, steige ich in das Taxi und wir fahren los. Aber genau in dem Moment in dem der Taxifahrer umdrehen will, zeigt der Polizist an, dass wir wieder an die Seite fahren sollen. “Die Tatsache, dass du losgefahren bist reicht mir als Beweis, dass ihr Papiere habt. You are my friend now, you want water or anything?” Alle Beteiligten grinsen breit, die Polizisten vor Belustigung und wir vor Erleichterung und wir steigen wieder ins Taxi um weiterzufahren. Auf dem Rückweg wird nochmal nett gewunken bevor uns unser netter Taxifahrer, der uns auch noch den restlichen Tag begleitet, ins wunderschön gelegene Monal Restaurant fährt wo wir zusammen Mittag essen. 
Zusätzlich zu der Polizeikontrolle hat heute auch Herr Bokhari, der das gesamte Austauschprogramm zwischen der Uni Erfurt und Pakistan koordiniert und hier mein erster Ansprechpartner ist, für einige Aufregung gesorgt. Er hat mir mehr oder weniger verboten, die von Suleman registrierte und organisierte Sim Card zu nutzen, da man nie wüsste wer mit wem schon telefoniert hat und das sehr gefährlich sei. 
Ich fühle mich mal wieder nicht in der Lage die Ernsthaftigkeit des Problems einzuschätzen, da ich die Sim Card völlig ohne Bedenken für einen Tag genutzt habe und Herr Bokhari fast notfallartig davor gewarnt hat. Immer wieder merke ich, dass trotz aller Gedanken die ich mir mache, Probleme, Gefahren und Schwierigkeiten bestehen oder auftauchen können die ich mir nicht einmal vorstellen kann, geschweige denn in meine Entscheidungen einbeziehen. Wie manchmal in Indien und auf den Philippinen und natürlich wie beim letzten Mal in Pakistan merke ich, dass ich immer hin- und hergerissen bin zwischen offen und gutmütig auf Menschen zugehen wollen und einer teilweise selbst auferlegten, teilweise durch Reisewarnungen und die Sorgen vieler Menschen verstärkten (Über-)Vorsichtigkeit, die mich immer wieder bremst. Aber genau diese Einschränkungen machen es teilweise sehr schwierig Menschen so anzunehmen wie sie sind, weil man schnell und nach meinem Gefühl meistens unbegründet misstrauisch wird und außerdem das Gefühl hat tolle Erlebnisse und Erfahrungen eventuell zu verpassen. Lese ich mir jedoch die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts durch denke ich mir dann schnell wieder, dass die Vorsichtigkeit schon begründet ist. Insgesamt ist die Situation hier auf jeden Fall viel vielschichtiger als man oft annimmt, die Friedlichkeit besonders hier in Islamabad ist natürlich trügerisch wenn man sich überlegt, dass erst vor drei Wochen eine Attacke auf ein Gericht stattgefunden hat, aber gleichzeitig ist das Bild das Deutsche von Pakistan haben auch sehr geprägt von Terroranschlägen und Taliban. Natürlich finden diese aber nicht jeden Tag und auch nicht überall statt und die Gefahr, tatsächlich in so etwas verwickelt zu werden, ist eigentlich sehr gering. Die allermeisten Menschen haben mit den Taliban nichts am Hut und leben jeden Tag ihr normales Leben, ob Bauer, Taxifahrer oder Politiker. Ich bin auf jeden Fall gespannt wie sich meine Einschätzung diesbezüglich in den nächsten sechs Wochen ändern oder nicht ändern wird und freue mich natürlich schon sehr auf den Beginn des Praktikums morgen.

Ein interessanter Punkt der im Gespräch mit Suleman aufkam war warum Pakistan die Taliban in Afghanistan unterstützt hat. Wenn Afghanistan von einer Taliban Regierung kontrolliert würde, erhofft sich Pakistan Unterstützung in der diplomatischen Haltung gegen Indien. Mit Karzai als Regierungschef jedoch ist Afghanistan wohl eher ein Verbündeter Indiens. Also wäre es für Pakistan eigentlich besser wenn die Taliban in Afghanistan stark sind, während sie im eigenen Land bekämpft werden. Ein weiterer Grund, warum Politik in diesem Teil der Welt so schwierig und undurchschaubar ist.

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