30. März, Sonntag
Da mein pakistanischer Kumpel Suleman
seit gestern kurz nachdem ich ankam zu Besuch ist, beschlossen wir
heute morgen zur Feier des Tages und Wiedersehens erst nach Lok Versa
und danach in ein Restaurant zu fahren. Doch nachdem wir kaum fünf
Minuten im Taxi sitzen werden wir von der Polizei angehalten, obwohl
die hier in Islamabad wirklich an jeder Ecke steht und sich
eigentlich nie für einen interessiert. Der Polizist erzählt uns
etwas von einem männlichen und einem weiblichen Ausländer die auf
genau der Strecke ausgeraubt worden seien und will daher unsere
Ausweise sehen. Da wir die nicht dabei haben beginnt Suleman mit den
Polizisten zu diskutieren um zu erreichen, dass sie uns doch noch
durchlassen. Karen, die zweite deutsche Praktikantin der Uni Erfurt
und Ich haben dann vorgeschlagen, dass wir doch auch einfach unsere
Ausweise im Guest House holen könnten und sie Ihnen zeigen. Während
des gesamten Gesprächs spielt der Polizist, der Suleman übrigens
beim Reden nicht in die Augen sondern darüber hinweg schaut, mich
dafür umso genauer betrachtet, mit meinem Personalausweis, den ich
ihm am Anfang gleich ausgehändigt habe. Nach weiteren fünf Minuten
und der Entscheidung, dass ich mit dem Taxifahrer zurückfahre
während Karen und Suleman da bleiben, steige ich in das Taxi und wir
fahren los. Aber genau in dem Moment in dem der Taxifahrer umdrehen
will, zeigt der Polizist an, dass wir wieder an die Seite fahren
sollen. “Die Tatsache, dass du losgefahren bist reicht mir als
Beweis, dass ihr Papiere habt. You are my friend now, you want water
or anything?” Alle Beteiligten grinsen breit, die Polizisten vor
Belustigung und wir vor Erleichterung und wir steigen wieder ins Taxi
um weiterzufahren. Auf dem Rückweg wird nochmal nett gewunken bevor
uns unser netter Taxifahrer, der uns auch noch den restlichen Tag
begleitet, ins wunderschön gelegene Monal Restaurant fährt wo wir
zusammen Mittag essen.
Zusätzlich zu der Polizeikontrolle hat heute
auch Herr Bokhari, der das gesamte Austauschprogramm zwischen der Uni
Erfurt und Pakistan koordiniert und hier mein erster Ansprechpartner
ist, für einige Aufregung gesorgt. Er hat mir mehr oder weniger
verboten, die von Suleman registrierte und organisierte Sim Card zu
nutzen, da man nie wüsste wer mit wem schon telefoniert hat und das
sehr gefährlich sei.
Ich fühle mich mal wieder nicht in der Lage
die Ernsthaftigkeit des Problems einzuschätzen, da ich die Sim Card
völlig ohne Bedenken für einen Tag genutzt habe und Herr Bokhari fast
notfallartig davor gewarnt hat. Immer wieder merke ich, dass trotz
aller Gedanken die ich mir mache, Probleme, Gefahren und
Schwierigkeiten bestehen oder auftauchen können die ich mir nicht
einmal vorstellen kann, geschweige denn in meine Entscheidungen
einbeziehen. Wie manchmal in Indien und auf den Philippinen und
natürlich wie beim letzten Mal in Pakistan merke ich, dass ich immer
hin- und hergerissen bin zwischen offen und gutmütig auf Menschen
zugehen wollen und einer teilweise selbst auferlegten, teilweise
durch Reisewarnungen und die Sorgen vieler Menschen verstärkten
(Über-)Vorsichtigkeit, die mich immer wieder bremst. Aber genau
diese Einschränkungen machen es teilweise sehr schwierig Menschen so
anzunehmen wie sie sind, weil man schnell und nach meinem Gefühl
meistens unbegründet misstrauisch wird und außerdem das Gefühl hat
tolle Erlebnisse und Erfahrungen eventuell zu verpassen. Lese ich mir
jedoch die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts durch denke ich mir
dann schnell wieder, dass die Vorsichtigkeit schon begründet ist.
Insgesamt ist die Situation hier auf jeden Fall viel vielschichtiger
als man oft annimmt, die Friedlichkeit besonders hier in Islamabad
ist natürlich trügerisch wenn man sich überlegt, dass erst vor
drei Wochen eine Attacke auf ein Gericht stattgefunden hat, aber
gleichzeitig ist das Bild das Deutsche von Pakistan haben auch sehr
geprägt von Terroranschlägen und Taliban. Natürlich finden diese
aber nicht jeden Tag und auch nicht überall statt und die Gefahr,
tatsächlich in so etwas verwickelt zu werden, ist eigentlich sehr
gering. Die allermeisten Menschen haben mit den Taliban nichts am Hut
und leben jeden Tag ihr normales Leben, ob Bauer, Taxifahrer oder
Politiker. Ich bin auf jeden Fall gespannt wie sich meine
Einschätzung diesbezüglich in den nächsten sechs Wochen ändern
oder nicht ändern wird und freue mich natürlich schon sehr auf den
Beginn des Praktikums morgen.
Ein interessanter Punkt der im Gespräch
mit Suleman aufkam war warum Pakistan die Taliban in Afghanistan
unterstützt hat. Wenn Afghanistan von einer Taliban Regierung
kontrolliert würde, erhofft sich Pakistan Unterstützung in der
diplomatischen Haltung gegen Indien. Mit Karzai als Regierungschef
jedoch ist Afghanistan wohl eher ein Verbündeter Indiens. Also wäre
es für Pakistan eigentlich besser wenn die Taliban in Afghanistan
stark sind, während sie im eigenen Land bekämpft werden. Ein
weiterer Grund, warum Politik in diesem Teil der Welt so schwierig
und undurchschaubar ist.
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